Kirchheim. Dr. Roland Deigendesch bezeichnete das Stadtarchiv als das „Gedächtnis der Verwaltung“. Und genau darin besteht auch die Hauptaufgabe des Archivs:in der Übernahme städtischer Unterlagen. „Das Archiv entscheidet darüber, was dauerhaft für die Überlieferung aufbewahrt werden soll.“ Das sei die wesentliche Voraussetzung dafür, dass Historiker zu einem späteren Zeitpunkt Geschichte schreiben können. Denn nur, was überliefert sei, lasse sich später auch auswerten.
Als Beispiel für Archivalien hatte er für die Mitglieder des Finanz- und Verwaltungsausschusses unter anderem ein Lagerbuch des Kirchheimer Heilig-Geist-Spitals in den Archiv-Lesesaal mitgebracht. Beginnend im 17. Jahrhundert, sind in diesem Prachtband die Einkunftsansprüche des Spitals verzeichnet. Parallel zu den Lagerbüchern gab es auch Rechnungsbücher, in denen die tatsächlichen Einnahmen und Ausgaben des Spitals verzeichnet sind. „Der Spital
etat war der damalige Sozialetat“, verweist Roland Deigendesch auf moderne Pendants.
Die Spitalbücher geben trotz der scheinbar trockenen Materie wichtige Einblicke in die Alltagswelt früherer Zeiten – wenn darin etwa der Unterhalt für arme Leute verzeichnet ist, die Kostenübernahme für den Spitalaufenthalt eines Durchreisenden oder auch das Lehrgeld, das die Allgemeinheit einstmals für einen mittellosen Waisenknaben aufgebracht hat. Die Verwaltung des Spitals sei unter städtischer Kontrolle erfolgt, fügt der Stadtarchivar hinzu.
Aber auch ein Beispiel für Archivmaterial aus dem 20. Jahrhundert bekamen die Ausschussmitglieder zu sehen: Die Akte über den „Fall Otto Mörike“, den Kirchheimer Pfarrer, der sich mutig mit den Nationalsozialisten angelegt hatte. Die Vorgänge von damals seien zwar recht gut bekannt und auch in der Schriftenreihe des Stadtarchivs ausführlich dokumentiert, meinte Roland Deigendesch. Aber für Besucher des Stadtarchivs – nicht zuletzt für Schülergruppen – sei es wichtig, auch authentische Dokumente aus der Zeit gezeigt zu bekommen.
Im Stadtarchiv werden indessen nicht nur Akten der Verwaltung gesammelt, sondern auch persönliche Nachlässe oder Überlieferungen von Vereinen und Firmen. Auch in diesem Fall gilt, dass das Archiv nicht alles aufbewahren kann. Am Sichten des Materials führt ohnehin kein Weg vorbei. Und was nicht für archivwürdig befunden wird, das wird dann eben zurückgegeben oder „ausgeschieden“. Trotzdem stellte der Stadtarchivar im Zusammenhang mit privatem Archivmaterial fest: „Da gibt es viele interessante Dinge.“
Zu den Archivalien, die im Kirchheimer Freihof aufbewahrt sind, zählen auch Drucke und Grafiken. Beispielsweise sind dort Wahlplakate gesammelt – ein Punkt, an dem Roland Deigendesch auf ein generelles Problem der heutigen Archivierung zu sprechen kommt: „Wichtig sind inzwischen nicht nur die Wahlplakate, sondern auch der Auftritt der Kandidaten im Internet.“
Digitale Archivierung ist ein ganz eigener Bereich in der täglichen Arbeit des Stadtarchivs. Die Archivmitarbeiter unterstützen und beraten deshalb auch die städtischen Ämter beim Anlegen digitaler Akten. Eine frühe Art der „Digitalisierung“ ist die Mikroverfilmung, die in Kirchheim weit fortgeschritten ist.
Seit die Findbücher des Archivs im Internet einzusehen sind, haben die Anfragen zugenommen, berichtet der Stadtarchivar. Gerade durch den Zugang zu den Findbüchern lässt sich gezielter nachfragen. Jedes Jahr gebe es 400 bis 450 „persönliche Nutzungen“, bei denen schriftliche Anfragen nicht mitgerechnet sind. „Das ist keine große Zahl, im Vergleich mit der Stadtbücherei“, stellt Roland Deigendesch fest, fügt aber hinzu: „Bei uns sind die Beratungen relativ betreuungsintensiv.“ Trotzdem sei eine gewisse „Lesefertigkeit“ der Nutzer eine Grundvoraussetzung: „Wir können zwar Hilfestellungen geben. Aber wir können nicht allen alles vorlesen.“
Um die Grundfertigkeiten zu vermitteln, bietet das Stadtarchiv in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule regelmäßig Lesekurse an. Auch sonst ist die Öffentlichkeitsarbeit ein wichtiger Teil des Archiv-Alltags. Besucher sind einerseits Historiker, andererseits aber auch Privatpersonen, die etwas über die Geschichte ihres Hauses oder ihrer Familie erfahren wollen. Allgemeine Informationen zur Geschichte Kirchheims gibt das Stadtarchiv durch Vortragsveranstaltungen weiter, aber auch durch eigene Veröffentlichungen. Die Schriftenreihe des Stadtarchivs sei weit über die Grenzen Kirchheims hinaus bekannt.
Das Gebäude im Freihof, in dem das Archiv seit 1963 untergebracht ist, sei nicht optimal: Als ehemaliges Schulgebäude hat es zu große Fenster für ein Archiv, das auf eine gleichbleibende Temperatur und Luftfeuchtigkeit angewiesen ist. Insgesamt aber, meinte der Stadtarchivar, sei das Gedächtnis der Stadt Kirchheim im Freihof ganz gut untergebracht. Allerdings ist ein Platzmangel in einigen Jahren bereits abzusehen.
