Musikalisch-literarische Annäherung an den Literaturnobelpreisträger Hesse und seine Kirchheimer Jugendliebe „Lulu“
Glückliche Tage in der Kastanienstadt

Kirchheim. Wenn eine Stadt schon vor über 100 Jahren von einem berühmter Dichter und späteren Literaturnobelpreisträger begeistert wahrgenommen wurde – nicht zuletzt, weil er sich dort „schwer verliebt hat“ – darf man als Einwohner sicher stolz sein. Wenn der für alle


Zeiten in der Weltliteratur festgeschriebenen Kastanienstadt auch über 50 Jahre später von Hesses Freund und Dichterkollegen Ludwig Finckh als Ort einer folgenschweren jugendlichen Liebelei gehuldigt wird, darf einem Kirchheimer tatsächlich „warm ums Herz werden“.

Gerhard Landauer und Hartmut Schallenmüller haben sich auf dieser soliden Basis zum würdigen Ausklang des kulturellen Begleitprogramms der Vesperkirche an einen literarischen Abend herangewagt, der seinesgleichen sucht. Mit viel Sachverstand und doch auch voller Leidenschaft erzählten sie die Geschichte einer kaum erwiderten Liebe, die nachhaltige literarische Folgen hatte und noch immer im Kirchheimer Stadtbild abgelesen werden kann.

Dass Hermann Hesse sich einst unsterblich in die Nichte des „Kronenwirts“ verliebt hatte, ist ja hinlänglich bekannt. Die beiden ehemaligen Lehrer verstanden es ausgezeichnet, ihr Publikum nicht nur umfassend zu informieren und zu unterhalten, sondern auch voller Ironie für die Bedeutung eines völlig unterschätzten „Wahrzeichens“ zu sensibilisieren. Da mit Hermann Hesse „einer der meistgelesenen deutschen Dichter der Welt in der ehemaligen ‚Krone‘ sehr viel Spaß erlebte“, trage der längst in das einst angesehene und ehrwürdige Gebäude eingezogene Spielsalon völlig zurecht den Namen „Mega Fun Center“ . . .

Bei aller Glückseligkeit, die Hesses Kirchheimer Tage begleitete, wurde aber nicht ausgeblendet, dass Hesse zuvor sehr schwere Zeiten durchlebt hatte und „die Einsamkeit ihm zur Freundin geworden ist“. Die Programmmacher wussten nur zu gut, dass der in Calw geborene Literat sich immer unverstanden gefühlt hatte und sich im Klaren darüber war, dass er seinen Weg alleine gehen muss. Sie waren uneingeschränkt überzeugt davon, dass das in der Musik nicht besser ausgedrückt werden könne als in Zwölftonmusik.

Von Eberhard Braun einfühlsam am Klavier begleitet, stellte sich Melanie Schallenmüller daher erfolgreich der schweren Herausforderung, virtuos ein von Barbara Heller und drei von Rudolf Halaczinsky vertonte Hesse-Lieder vorzutragen, wobei das Auditorium zuvor behutsam darauf vorbereitet wurde, dass sich „die Töne weigern, zu einer Harmonie zusammenzurücken“ und „jeder Ton für sich ganz allein“ bleiben wird.

Nicht nur zur Klärung bei Streit und Zwistigkeiten, auch bei amourösen Recherchen auf der Suche nach einer verloren gegangenen Liebe sollte man stets bemüht sein, beide Seiten zu hören – und zu verstehen. Gerhard Landauer und Hartmut Schallenmüller, die sich mit akribischem Fleiß der verbürgten „Zehn glücklichen Tage“ annahmen, die Hermann Hesse vom 16. bis 26. August 1899 in Kirchheim – verliebt und voller jugendlichem Übermut – verbrachte, zeichneten das facettenreiche Bild einer Liebe, die einseitiger nicht hätte sein können.

Das völlig einseitige Liebeswerben mündete dann allerdings nicht im unsicheren Hafen einer bei so unterschiedlicher emotionaler Ausrichtung mehr als gefährdeten Ehe, sondern in einer Freundschaft, die zwei unterschiedliche Menschen ein Leben lang aneinander binden konnte, ohne große Gefühle durch zu große Nähe für immer zu vertreiben.

Hermann Hesse war seinerzeit zweifellos „bis über beide Ohren verknallt“. Nicht die Schnaken des noch wasserführenden Schlossgrabens, sondern die außerordentliche Schönheit der in der „Krone“ arbeitenden Nichte des Wirts brachten ihn um Verstand und um den Schlaf. Eigentlich wollte er ja nur nach dem Abschluss seiner dreijährigen Buchhandelslehre in der Tübinger Buchhandlung J. J. Heckenhauer mit den Freunden des sogenannten „petit cenacles“ in Kirchheim voller Übermut zwei Tage lang Abschied feiern, um dann in Basel eine Stelle als Sortimentsgehilfe anzutreten.

Statt gemeinsam mit seinen Freunden „für alles zu schwärmen, was in Literatur und Kunst geschaffen worden ist“, fesselte den jungen Hesse eine „ungeduldige Leidenschaft“ an die Kastanienstadt, deren hübschester Vertreterin Lulu er vorwarf, ihm alle Ruhe genommen zu haben, da ihn „die Qual der Liebe und der Eifersucht fortwährend bedrückte“. Auf der Limburg lesen sich die Freunde „selbst verfasste romantische Liebeslyrik vor, und beim Musizieren und Singen wetteifern alle um die Gunst der Julie“. In der „Krone“ wurde abends „gegessen, gesungen, getrunken und über selbst verfasste Reime schallend gelacht“.

Die von allen angebetete Lulu ist aber weit entfernt davon, vor Liebe blind, Hesses Bild in eine Briefmarke zu montieren, wie er das gemacht hatte und dadurch für Lulu zum „Briefmarkenfälscher“ geworden war. Die von allen umworbene Julie Hellmann Lulu sieht in Hesse nur „einen blonden und schmächtigen Jüngling, der etwas linkisch und schüchtern zu sein schien, der aber wie sein Freund Ugel (Ludwig Finckh) sehr schön Violine spielte.“

Hermann Hesses zunehmende Berühmtheit dürfte die von ihm angebetete Jugendliebe Julie Hellmann aber doch mit Stolz erfüllt haben. Die Schmeicheleien des Augusts 1899 haben schließlich ihren ganzen Lebensweg überstrahlt. Dieser langen Verbindung und Julie Hellmanns Wissen um die große Bedeutung, die Hesses Briefe einst haben werden, ist zu verdanken, dass die Teckstadt auch im Literaturmuseum in Marbach immer unvergessen bleiben wird. Auch für Literaturwissenschaftler ist und bleibt die Begegnung in der Kastanienstadt ein absoluter Glücksfall – wenn schon nicht für alle Betroffenen, so doch für die Nachwelt . . .