Kirchheim. Etwa 100 000 Jugendliche in Deutschland, Österreich und der Schweiz waren bei der „ChurchNight“ dabei, etwa 150 davon im Kirchheimer Jugendgottesdienst zum Thema „Kirche(r) – oder geht Glaube nur mit Druck?“. Das Gelächter im Kirchenschiff zeigte es: Die Drucksituationen, die Jugendreferent Jochen Leitner in seiner Predigt schilderte, kamen den Zuhörern bekannt vor. Man muss ja nicht gleich wie Leitner als Schüler mit der Schlafanzughose im Schulbus sitzen. „Ich will’s doch gut machen, und der Druck steigt“, sagte Leitner, sei es Zeit- oder Gewissensdruck. Der christliche Glaube nehme nicht aus der Welt hinaus. „Mit Jesus an deiner Seite ist der Druck nicht einfach weg. Aber du hast einen, der dir Kraft gibt und bei dem du Dampf ablassen kannst.“ Gottes Liebe könne man sich nicht verdienen, betonte Leitner: „Die kann man nur geschenkt bekommen.“
Die ChurchNight, die auch in anderen Kirchen rund um die Teck gefeiert wurde, gab es aber nicht geschenkt; mit der Vorbereitung waren rund 40 Ehrenamtliche beschäftigt. Leitner war zugleich Schlagzeuger der ziemlich rockigen „Heaven Groove Band“. Gegen Ende durften die Besucher etwas dalassen und bekamen etwas mit: Die Sammelbüchsen wurden für die psychologische Fachberatungsstelle Kompass Kirchheim herumgereicht. Die verteilten Ohrstöpsel dienen zumindest der Befreiung von Schalldruck.
Draußen vor der Kirche ging es mit thematisch angepasster „Kirchplatz-Action“ weiter. Begeistert wurden mit dem Hochdruckreiniger Wasserflaschen weggepustet oder im Sitz zwischen zwei Traktorreifen eine schwindelnde Fahrt unternommen. Wie lange kann jemand den Mund halten, wenn drinnen eine Mischung aus Cola und Kaubonbons für Druck sorgt? Wem dieses Experiment zu gewagt schien, der konnte sich an einem der Feuer wärmen oder sich an Waffeln und Hot Dogs erfreuen. Graffiti-Künstler Joy Angelo Grillmayr sprühte nicht alleine, sondern lud zur Mitarbeit an seinem großformatigen Kunstwerk ein. Dieses wird bis Sonntag im Internet versteigert, der Erlös kommt einem CD-Projekt des CVJM in Nigeria zugute.
Für eine Liveübertragung ins Internet ab 20 Uhr war das Kirchenfernsehen neben den Akteuren mit rund 20 Technikern und vier Kameras – eine davon am beweglichen Kran hängend – angerückt. Die Kirchheimer Nachwuchsband „Heroes in Mood“ eröffnete die gut eineinhalbstündige Sendung, zu der Liveschaltungen nach Ludwigshafen, Neuendettelsau, Berlin, nach Österreich und in die Schweiz gehörten. In der Schweiz heißt die ChurchNight übrigens „Post it“: Luther „postete“ seine 95 Thesen vor 495 Jahren an die Kirchentüre, heute wird im Netz gepostet.
Die Übertragungen über Skype gelangten mal mehr, mal weniger gut und passten damit zum experimentellen Charakter des bald zehn Jahre alten Kirchenfernsehens. Es will kein ZDF im Kleinen sein, sondern mit einem unkonventionellen, sehr jungen Team Neues ausprobieren. Einen Extradank aus dieser Talentschmiede gab es für die geduldigen Zuschauer der Liveübertragung: Weil der Beamer versagte, waren die Einspielfilme in der Martinskirche nicht zu sehen. So war auch die Grußbotschaft von Landesbischof Frank Otfried July nur zu hören. Er sei ein wenig neidisch, dass er die ChurchNight als Jugendlicher noch nicht miterleben konnte, sagte July. Die Reformation sei nicht Geschichte, sondern solle ständig „im Heute neu gelebt werden“.
Junge Leute und alte Choräle? Klar doch, das passt. Dass zeigte unter anderem die Band „For Me and My Sons“, die eine sehr soulige Version von „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ präsentierte. Steffi Blankenhorn spielte mit ihrer Band ein Update von „Verleih uns Frieden gnädiglich“ und sprach über ihre Wertschätzung für die „alten Lieder mit Tiefgang“. Tief an den Boden begab sich die „boy circle crew“. Die fünf Jungs, alle 15 Jahre alt, haben sich im CVJM Tübingen selbst das Breakdancen beigebracht.
Der Gottesdienst ist auf www.kirchenfernsehen.de und auf www.facebook.com/kirchenfernsehen zu sehen. Dort gibt es auch Informationen zur Versteigerung des Kunstwerks.
