Das Notos-Quartett musizierte im Rahmen der „Tasta-Tour“ im Kirchheimer Schloss
Goldgrube hochrangigen Repertoires

Kirchheim. Direkt aus der Londoner Wigmore Hall waren sie gekommen: vier junge Musiker, die ihren 
Hörern im Kirchheimer Schloss enthusiastische Äußerungen entlockten. Im Gepäck hatte das Notos-Quartett dasselbe erlesene Programm, für das es kurz zuvor im legendären Londoner Konzertsaal gefeiert wurde: Klavierquartette von Arnold Bax. Ernst von Dohnanyi und Johannes Brahms.

Die Erstgenannten kommen in deutschen Konzertsälen nur selten zu Ehren. Dass dies ein eklatanter Missstand ist und hier eine Goldgrube hochrangigen Repertoires im Dornröschenschlaf verharrt, machte bereits die Aufführung des 1922 entstandenen „Piano Quartet in one movement“ von Arnold Bax klar.

„Ein ruppiges Stück“, hatte Violinist Sindri Lederer das Werk zu Konzertbeginn angekündigt. Man möchte ergänzen: ein aus gestischem Reichtum schöpfendes, von kunstvollen Kontrasten und energetischen Schüben durchpulstes Stück. Denn diese Qualitäten – vom „ehernen Romantiker“ Bax in einsätzige Form gegossen – verstand Lederer mit seinen Ensemblekollegen Liisa Randalu (Viola), Florian Streich (Violoncello) und Antonia Köster (Klavier) so konsequent wie feinsinnig auszuleuchten.

Dohnanyis Klavierquartett in fis-Moll tut man unrecht, es als Jugendwerk im Abseits zu belassen. Zwar ist es – beim Hören nur schwer zu fassen – die Komposition eines Vierzehnjährigen. Aber welch großartige, reife Musik! Keine redundanten Floskeln oder musikalische Leerläufe, die man ersten Gehversuchen nachsehen müsste. Bei aller Nähe zu Brahms kein schwärmerisches Epigonentum, vielmehr inspirierter Wille zu Ausdruck und Form, der sich im Kopfsatz gar zu hymnischer Größe aufschwingt.

Die seismografische Empfänglichkeit für die Signaturen seiner Zeit muss bei Dohnanyi schon in jungen Jahren fein ausgebildet gewesen sein. Anders hätte er zu Beginn der 1890er-Jahre kaum das nervöse Flackern und Brodeln des heraufkommenden Fin de siècle seinem Tonsatz derart organisch einverleiben können, wie es im Finalsatz zu erleben war.

Es ist ein großes Verdienst einer jungen Generation erstklassiger Musiker, derzeit das Werk Dohnanyis wiederzuentdecken und in die Konzertsäle zu bringen. Erst seit zwei 
Jahren ist das fis-Moll-Quartett verlegt und damit dem Podium zugänglich. Die herausragende Deutung seitens des Notos-Quartetts ist somit nicht nur ihrer beeindruckenden emotionalen Plastizität und Farbigkeit wegen zu schätzen, sie ist darüber hinaus auch als konzertante Pioniertat zu würdigen.

Die hohe Spielkultur des mehrfach preisgekrönten Ensembles gelangte schließlich mit Johannes Brahms Klavierquartett in g-Moll Opus 25 zur vollen Entfaltung. Eine klarsichtige Interpretation, die den vielschichtigen Tonsatz auf allen seinen Ebenen erfahrbar machte, sonoren Ernst und lyrische Entrückung zu kunstvoller Einheit führte, kulminierte im druckvoll und fulminant gespielten „Rondo alle zingarese“. Diesen Rekurs auf vermeintliche „Zigeuner“-Musik mit seiner intensiven Parallelschaltung von rhythmischem Feuer und melodischem Schmelz spielte das Notos-Quartett zur Gänze aus, vermied aber geschmackvoll jedwede rubatogetränkte Süßlichkeit, die stets zu klischeehafter Verzerrung führt.

Den Künstlern dankte das Auditorium mit Bravo-Rufen und begeistertem Applaus. Die Musiker revanchierten sich mit einer wunderbaren Zugabe: dem innig gespielten Andante cantabile aus Ludwig van Beethovens Klavierquartett Opus 16.