Bad Boll. Sie macht ihrem Namen alle Ehre, die „Liederlust“ aus Ohmden. Mit viel Lust am Gesang, großer stilistischer Bandbreite und hohem
Unterhaltungswert von alpenländischen bis zu afrikanischen Klängen, zwei Chorformationen in Bestform und dem vor Musikalität und Esprit sprühenden Chorleiter und Conférencier Paul Theis hat sie im voll besetzten Kursaal von Bad Boll einen bemerkenswerten und mit wohlverdientem Beifall bedachten Konzertabend gegeben.
Der gemischte Chor der Liederlust holte zum Auftakt tief Luft, blies kräftig den Staub von alten Volksliedern und machte den Jäger, der längs dem Weiher ging, und den Kuckuck, der aus dem Wald schallt, mit frischer, lebendiger und moderner Interpretation zu einem völlig neuen Hörerlebnis. Eines von ebensolcher Güte war, wie die Sängerinnen in Sopran und Alt „The Lion sleeps tonight“ seidenweich und glockenklar begannen und die Tenöre und Bässe mit präziser Intonation einen samtigen Klangteppich voll klarer und tiefer Töne legten. Ein stimmensicherer und dabei leicht, fast mühelos erscheinender Gesamtklang, die disziplinierte Artikulation und Rhythmik des Chors und ein rundum gelungener Vortrag, der Freude am Zuhören bereitete – das zog sich wie ein roter Faden durch den Abend.
Erstes großes Glanzstück des Konzertabends war, wie die Liederlust den „Insalata Italiana“ des deutsch-österreichischen Komponisten Richard Genée auf die Bühne brachte. In diesem Jahr, in dem die Musikwelt die 200. Geburtstage der Operngiganten Richard Wagner und Giuseppe Verdi feiert, stand auch bei der Liederlust Opernhaftes auf dem Programm. Und dabei kam die Huldigung aus Ohmden sehr humorvoll, fast schon parodistisch daher als Parforceritt durch die italienische Sprache der Opernmusik. Angefangen vom gehauchten Piano, steigerten sich die Stimmen zu einem kraftvollen Fortissimo, gingen mit viel Disziplin und musikalischem Ausdruck ein An- und Abschwellen des bemerkenswert sauberen und dabei sehr durchsichtigen Gesamtklangs aller Tonlagen an und steigerten sich schließlich zum strahlenden Schlussakkord.
Die Liederlust Ohmden hat ihre eigene und zusehends populärer werdende „Boygroup“, die „Männersache“. Vor zweieinhalb Jahren hatten die Männer ihre ersten gesanglichen Gehversuche in dem neu gegründeten Männerchor unternommen. Mittlerweile mauserten sie sich zu einem veritablen, stimmsicheren und selbstbewussten Herrenensemble, das sich zunehmender Bekanntheit und Anerkennung erfreut. Die 19 Männer lieferten als Höhepunkt ihre Version von „Nur für dich“, einer A-cappella-Nummer der „Wise Guys“, mit dem augenzwinkernd und ironisch besungenen Spiel mit Geschlechter-Klischees. Das Publikum quittierte den blitzsauber intonierten Beitrag der „Männersache“ mit begeistertem Beifall. „Jungs, jetzt haben wir aber wieder was gutzumachen“, sprach Paul Theis und ließ seine Männer zur Versöhnung mit dem weiblichen Geschlecht Roy Orbisons Schmacht-Oldie „Oh, pretty woman“ anstimmen.
Zum unterhaltsamen Finale des gelungenen Abends stand noch einmal der gemischte Chor auf der Bühne und offenbarte dabei ein verborgenes Talent, als Paul Theis die Begleitung am Klavier der Sängerin Birgit Hepperle überließ, die beim Carpenters-Klassiker „Top of the world“ an den Tasten eine ausgesprochen gute Figur machte.
Auf einen Eintritt zu ihrem Konzert am Jahresende hatte die Liederlust auch in diesem Jahr verzichtet und stattdessen um Spenden für den Förderverein für krebskranke Kinder in Tübingen gebeten. Das hat für den Gesangverein aus Ohmden bereits gute Tradition. Seit 23 Jahren fließt regelmäßig Geld nach Tübingen. Mit den diesjährigen Spenden in Bad Boll in Höhe von 1 200 Euro hat sich die finanzielle Hilfe durch die Sänger aus Ohmden auf mittlerweile mehr als 35 000 Euro erhöht.
Paul Theis‘ Sorge, der Chor könne auseinanderbrechen nach dem verheerenden Brand, der vor fast genau einem Jahr die Ohmdener Gemeindehalle verwüstet und nahezu die gesamten Aufzeichnungen, Noten und Ausrüstungsgegenstände der Liederlust vernichtet hatte, hat sich nach seinen Worten zum Glück nicht erfüllt. Im Gegenteil: Die Sängergemeinschaft hat sich offenbar ein „Jetzt erst recht“ zum Ansporn genommen, sich an Weiterentwicklungen ihres Repertoires zu wagen.