Kirchheim. Kirchheimer Jazzfreunden dürfte seine herausragende Mitwirkung in der schlagkräftigen Saxofon-Phalanx des „Kühntetts“ noch
in angenehmer Erinnerung sein. Nun war Alexander „Sandi“ Kuhn zu einem weiteren Gastspiel im Club Bastion. Dieses Mal als musikalischer Kopf seines Newcomer-Quintetts „Kuhnstoff“.
Kuhn und seine Mitstreiter Joachim Ribbentrop (Gitarre), Christoph Heckeler (Klavier), Jens Loh (Kontrabass) und Axel Pape (Schlagzeug) stellten vornehmlich Material ihrer aktuellen Debut-CD „Being Different“ vor und erweiterten das Set mit einigen Standards wie dem im klassischen Modern-Jazz-Gewand daherkommenden „My shining hour“ oder einem sensibel zerpflückten „Girl from Ipanema“. Musikalische Intelligenz und stilistischer Geschmack zeichnen die Eigenkompositionen von Alexander Kuhn aus, die von ihrer Melange aus Coolness und Temperament leben, ihre Reize ziehen aus der Verschmelzung von Zonen nachdenklichen Kreisens mit Momenten aufbäumender Kulmination.
Exemplarisch hierfür das Stück „Warten“: auf synkopische Gitarrenakkorde, die mit dem Spiel von Kadenzgefälle und Ausweichbewegungen die Hörerwartung kitzeln, schichten sich Bass, Klavier und Saxofon nacheinander auf, schälen die Melodie heraus und verleihen ihr mit jeder Wiederholung eine ohrwurmartigere Prägnanz, bevor Taktwechsel und Augmentation einen epischen Aufschwung herbeiführen und den Klangraum für Kuhns improvisatorische Ziselierungen aufspannen. Lakonik und große Geste – so klingt es wohl, wenn Stoiker unter Strom stehen.
Auffallend auch das überaus organische Zusammenwirken der fünf Musiker. Kuhn versteht es, große Präsenz einzunehmen, ohne das Saxofon auf Dauerfeuer stellen zu müssen. Statt den Monologen eines egomanen Frontmanns kultivierten „Kuhnstoff“ Dialogfähigkeit und die Qualitäten eines hochreflektierten Interplays.
Den Endzwanziger Kuhn würdigte das „Jazzthing“-Magazin unlängst als „einen überaus reifen, raumgreifend spielenden und kraftvoll blasenden Tenorsaxofonisten, der eloquent seine Geschichten erzählt und sich der weit zurückreichenden Tradition seines Instruments bewusst ist“. Dem ist voll und ganz zuzustimmen. Wobei sich das Traditionsbewusstsein nicht in bloßen Rekursen erschöpft. Den umfänglichen Griff in die Kiste verzweigt ineinandergreifender Idiome der großen Vergangenheit des Modern Jazz wagt Kuhn mit stetem Blick nach vorn. Selbst balladeske Töne, wie sie im Titel „Geborgenheit“ gepflegt wurden, kommen ohne klischeebeladene Nostalgieschleier aus, sprechen eine zwar kunstvolle, jedoch unverstellte, direkt zugängliche Sprache.
Vor dem Hintergrund ihres gleichermaßen fulminanten wie souveränen Konzerts in der Bastion mag die naheliegende Vermutung, dass die jungen Musiker erst dabei sind, so richtig Fahrt aufzunehmen, Vorfreude darauf wecken, wohin die Reise noch gehen wird. In Kirchheim – so viel ist sicher – dürften „Kuhnstoff“ jederzeit wieder mit offenen Armen empfangen werden.
