Kirchheim. Sonntags ins Kino! Am Volkstrauertag fand das Kino in Kirchheim an einem ungewöhnlichen Ort statt: „Orgelkino in Maria
Königin“. Wer letztes Jahr dabei war, kam wieder, und noch viele andere, denn Johannes Mayr war angesagt, einer der besten Improvisatoren weit und breit auf einer der schönsten Orgeln für diesen Zweck in einer Kirche mit idealen räumlichen Voraussetzungen. Nicht nur Cineasten freuten sich auf den Film: „Mikrokosmos – das Volk der Gräser“, einen preisgekrönten Dokumentarfilm über die Insekten in der Wiese. Also keine Handlung, keine Personen, sondern in Großaufnahmen, Zeitlupe und Zeitraffer alle Insekten, mit denen man normalerweise nichts zu tun haben möchte.
Wie sollte das bloß in einen kirchlichen Kontext passen? Sollten plötzlich Spinnen zu Freunden der Mesner werden, Ameisen in der Orgel wünschenswert, oder Schnecken im Pfarrgarten willkommen sein? Solche Bedenken wurden gleich zu Beginn abgefangen. Akos Csernai-Weimer, Erster Vorsitzender des Vereins KiZ (Kommunikationszentrum für interkulturelle Zusammenarbeit) im Bohnauhaus, begrüßte als Co-Veranstalter das volle Haus und stellte eine zunächst abenteuerlich anmutende Verbindung her zwischen den Tieren im Film und den Menschen: tüchtige und träge, willkommene und ausgegrenzte – wenn das kein kirchliches Thema ist! Blieb nur die Frage: „Was hat die Orgel damit zu tun?“ Wird sie in den Gemeinden doch immer wieder hochstilisiert als Konkurrenz zur Arbeit an den Menschen. Das Orgelkino hat ohne jedes Wort geklärt: Alle ziehen an einem Strang; Kunst und „Caritas“ (KiZ) gehören zusammen, ganz besonders in der Kirche!
Apropos: Es war am Sonntagabend ein Film ganz ohne Worte, ohne den Spannungsbogen einer Handlung, ohne erhobenen Zeigefinger. Vermutlich wäre es befremdlich geworden, den Film nach dem Erlebnis in Maria Königin mit originalem Soundtrack zu erleben. Das Authentische des Orgelklangs, gerade weil er von einem so hervorragenden Instrument wie der Kirchheimer Steinmeier-Orgel stammte, hat sich im Lauf des Abends so mit den Bildern des Films verbunden, dass man hätte meinen können, zuerst sei die Musik gewesen, und der Film hätte nach passenden Bildern dazu gesucht.
Mehr kann man von einem Improvisator zu einem Film nicht erwarten. Johannes Mayr hat eine enorme Vielfalt von musikalischen Formen aufgewandt: Klangfläche, Hymnik, Fuge, Aphoristik, Variation („Der Mond ist aufgegangen“), Verfremdung („Auf dr schwäb’sche Eisebahne“), dann Lautmalerei beim Frosch, Illustration beim Mistkäfer. Was dem Film manchmal zur Gefahr wird, dass die einzelnen Episoden etwas aneinandergestückelt wirken, wurde vom Organisten durch groß angelegte Spannungsbögen in Steigerung und Beruhigung aufgefangen. Darin erwies die Orgelmusik eigenständige Qualitäten – man hätte sie auch ohne Film genießen können.
Johannes Mayr hat eine beinahe unerschöpfliche Fantasie für Rhythmen, Klangfarben, Melodien und Akkorde. Er spielte auf einem Instrument, das einen beinahe unerschöpflichen Vorrat an Klangfarben hat. Es passte einfach alles optimal zusammen, bis hin zur gewaltigen Schlusssteigerung während des Abspanns. Ausgerechnet an der Stelle, wo man sonst schon aufsteht, sagte die Orgelmusik ganz eindrücklich: Hört doch, wie viele Menschen zusammengewirkt haben, um diesen Film zu erschaffen mit der Spannweite von Sonnenuntergang bis zum Blick vom Inneren eines Ameisennestes nach außen.
Standing Ovations, als Thomas Specker, der musikalische Hausherr, sich bei seinem Stuttgarter Kollegen mit Blumen bedankte. Strahlende Gesichter auch beim Blick auf die famose Technik (Rückprojektion), die vom KiZ perfekt vorbereitet und durchgeführt worden war.
