Kabarettist Ottfried Fischer sorgte im Bastionskeller für gute Unterhaltung und intellektuell-philosophischen Tiefgang
Heimat oder: Wo meine Sonne scheint . . .

Kirchheim. Das Timing war perfekt: Ottfried Fischer live in der Bastion und zeitgleich zur besten Fernsehzeit auf dem Bildschirm bei der Auf-


zeichnung der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst in Aachen. Das soll dem Bastionsteam erst einmal jemand nachmachen.

Einen schwergewichtigen Kabarettisten nach zwei Auftritten im Stuttgarter Renitenztheater auch gleich noch in die Bastion zu locken, war ein mutiges Unterfangen. Belohnt wurde es durch brechend volle Ränge, ein zufriedenes Publikum und einen gut gelaunten Kabarettisten, der ausgesprochen gerne an den Ort vorangegangener kabarettistischer Taten zurückgekehrt war.

Auch wenn er leicht die Stadthalle oder das Stadtkino hätte füllen können, hatte er sich klar für die Rückkehr in den berühmt-berüchtigten Gewölbekeller entschieden. Die dort gewährte Audienz garantierte ein entspanntes Heimspiel vor homogenem Publikum und war zugleich eine Verneigung vor einer Kirchheimer Institution, die schon seit 34 Jahren den Humor im Untergrund verortet hat und immer noch daran festhält, zum Lachen in den Keller zu gehen.

Eine vor dem Auftritt noch schnell gerauchte Zigarette sorgte dann für die erste Pointe des Abends. Ganz in Schwarz mit knallgelber Jägermeisterkrawatte trat Ottfried Fischer ins Rampenlicht und versicherte, dass er eigentlich nie geraucht habe. Angefangen habe er erst, seit es „so gesund ist für Herz und Kreislauf – durch die weiten Wege zum Fumarium“.

Wie alles, hat auch der aktuelle Serien-Aufreger in „Wullfs Revier“ und „Diekmanns Büro“ für Ottfried Fischer zwei Seiten. Dass ein Politiker belastendes Material ausgerechnet auf die Mailbox eines nicht eben zimperlichen Zeitungsmachers spricht, kann er sich nur damit erklären, dass der ins Schussfeld geratene Wullf so gnadenlos gehetzt wurde, „dass er nicht mehr bei Sinnen war“.

Ottfried Fischer nutzt daher immer wieder das ihm zur Verfügung stehende Forum der Kabarettbühne, um so ernst gemeint wie erfolglos darum zu bitten, Menschen nicht länger nur einer Schlagzeile wegen gnadenlos zu jagen. Als selbst schon von der Presse vorgeführtes und genüsslich ausgeweidetes Opfer fügte der zuweilen auch sehr ernsthafte Komiker hinzu: „Ich weiß, von was ich red‘“.

„Wo die Sonne scheint.“ lautete der Titel seines „Kabarettprogramms zur Heimat“, mit dem er 2008 bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft Premiere gefeiert hatte und mit dem der telegene „Pater Braun“ und „Bulle von Tölz“ zur Zeit in Österreich, der Schweiz und Deutschland den direkten Kontakt zum Publikum sucht, das er zum Lachen bringt und gleichzeitig auch zum Nachdenken anregt.

Mit dem von Caterina Valente gesungenen Titel „Wo meine Sonne scheint“ aus dem Jahr 1957 läutete Ottfried Fischer sein Programm ein und freute sich, von Zeitzeugen umgeben zu sein, die das Lied noch von früher kennen. Die 50er Jahre sind für ihn der „Inbegriff von Heimat“ weil es in diesem Jahrzehnt praktisch keinen Film gab, in dem nicht gesagt wurde: „Schön ist‘s da heroben“.

Nach seinen persönlich durchlebten „30 Jahren beruflicher Tätigkeit im heimatlichen Bereich“ spürt der auf einem Bauernhof bei Untergriesbach im Bayerischen Wald aufgewachsene Träger des Bayerischen Kabarett- und des Deutschen Kleinkunstpreises „eine Kompetenzvermutung“ in sich, die er geschickt nutzt, um dem komplexen Phänomen Heimat auf die Schliche zu kommen. Heimat ist für ihn da „Wo‘s Gfui ist“ und da gilt uneingeschränkt und unwidersprochen: „Dahoam is dahoam.“ Überzeugt davon dass die Menschen nur deshalb bis heute seßhaft und noch immer Jäger und Sammler sind, „weil wir bis vor ein paar Jahren noch kein Navi hatten“ beginnt er seine Analyse der Mobilität der Menschen mit der Vertreibung aus dem Paradies und geht bis zum Eskapismus der virtuellen Welt einer internetgetriebenen Informationsgesellschaft.

Dem verlorenen Paradies weint er dabei nicht allzu laut hinterher, weil man sich das ohnehin „ein bisschen fad vorstellen“ müsse. Vielleicht so, wie die neuen Bundesländer, denn „da hauen auch alle ab“. Große Mobilität zeichnet auch die „fliehenden Holländer“ aus, die sich in allsommerlichen Zivilschutzübungen darauf vorbereiten, mit mobilen Wohnwagen der Gefahr schmelzender Polkappen geordnet entkommen zu können. Nach erfolgreicher Flucht gilt beim Wiedersehen bei Veteranenfesten auch für sie: „Nicht das Erreichte zählt, sondern das Erzählte reicht“.

Wie lang und steinig der Weg durch die Instanzen bis zu einem rechtzeitig auszurufenden „Jahr der Heimat“ zu errichtenden Museum für die dafür zu bildenden Kommissionen sein wird, wurde von Ottfried Fischer genüsslich ausgemalt. Dass sein wertkonservatives Heimatbild maßgeblich auch von Musik und ihrem unbegrenzten Bodensatz an „Dumpf und Tümel“ bestimmt ist, macht die Aufgabe nicht leichter. „Die letzte Hoffnung für die Bewältigung der volkstümlichen Musik liegt im Strafrecht“, ist der zynische Studienabbrecher der Rechtswissenschaften überzeugt. Da die Gefühllosigkeit der musizierenden Akteure „lediglich gefühlt, aber rechtlich nicht nachgewiesen werden könne, müssten aber wohl auch weiterhin „Kollateralschäden an Menschenverstand und Trommelfell“ hingenommen werden.

Auch wenn sich Ottfried Fischer als „Blacky Blanko, der Gaudi-Gigant“ redlich mühte, gut zu unterhalten, konnte er seine Nachdenklichkeit nie ganz ausblenden und beendete den munteren Abend mit der Erkenntnis: „Manchmal muss man fliehen, um nicht vor sich selbst fliehen zu müssen.“