Kirchheim. Am Marienplatz wurde die Kirchheimer Gruppe von der Stadtführerin Viktoria Waltl empfangen. Nach einer kurzen Einführung in den Jugendstil, die kunstgeschichtliche Epoche um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, ging es zum ersten Objekt, einem Bau der Gebrüder Kärn an der Liststaffel. An seiner Vorderseite ist kein rechter Winkel zu sehen. Florale Muster mit Sonnenblumen über der Eingangstür und an den Erkern beleben die sonst mit einem Kratzputz versehene Front des Gebäudes.
Von den beiden Nachbarhäusern hob sich das Gebäude durch einen kleineren und größeren Abstand ab. Dies ist eine Folge des Stuttgarter „Bauwisch“, einer Bauordnung, die vor allem aus Brandschutzgründen diese Abstände zwischen den Häusern vorschrieb.
Im „Stromberg“, einer kleinen Straße zwischen List- und Filderstraße, zeigte die Führerin gleich eine ganze Häuserzeile mit Jugendstilbeispielen. Da war zunächst ein Eckgebäude mit einer Apotheke. Hier wuchern Pinien und Kastanien als Lebensbäume und darüber lächeln Sonnenblumen den Betrachter an. Über allen Pflanzen sind die Köpfe zweier geheimnisvoller Wurzelmännchen angebracht, als sei hier schon immer eine Apotheke gewesen. Bemerkenswert über dem Torbogen eines weiteren Hauses ein musizierendes Paar, leicht bekleidet zwischen Rosenblüten.
Als die Gruppe um die Ecke bog, fiel ihr Blick auf die imposante Markuskirche, 1906 – 08 von Heinrich Dolmetsch erbaut. Aus Kostengründen entschied er sich für das neue Baumaterial Beton. Da die Beton-oberfläche damals noch sehr unansehnlich war, versteckte er sie unter Verputz und die Portale und Fenster ließ er mit Natursteinen umrahmen. Hier in der Markuskirche trafen sich im Oktober 1945 führende Vertreter der evangelischen Kirche Deutschlands, um das „Stuttgarter Schuld-bekenntnis“, das sich mit der Rolle der Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzte, zu formulieren.
Nun schwenkte die Gruppe um in Richtung Karlshöhe. In der Arminstraße gab es zunächst ein Beispiel für den lieblosen Umgang mit älterer Bausubstanz. Wenige Schritte weiter gab es dafür wieder ein schönes Beispiel für ein gut renoviertes Jugendstilhaus. Der Lebensbaum, von der Wurzel bis zur Krone, ist das zentrale Thema des Fassadenschmuckes. Hier befand sich auch zeitweise das Architekturbüro der Gebrüder Kärn.
Am oberen Ende der Oskar-Heiler-Staffel luden Bänke zu einer kleinen Rast ein. Sie sind flankiert von zwei mit Jugendstilelementen verzierten Stelen, ein hübscher Rahmen für eine Verschnaufpause. Frisch erholt ging es nun ebenerdig weiter zur Schickhardtstraße. Hier stehen in einer weiten Kurve drei zu einem Eckhaus zusammengeführte Gebäude der Gebrüder Kärn, wobei das mittlere jeweils mit einem stumpfen Winkel an die beiden äußeren anschließt. Mit reicher Bauplastik, unterschiedlichen Erkern mit Fenstern, wie sie vielfältiger nicht sein können, mit Zierfachwerkgiebeln an den beiden Außenhäusern und dem für sie typischen Kratzputz haben hier die Gebrüder Kärn ein Meisterwerk des Jugendstils geschaffen.
Über Treppenaufgänge ging es hinauf in die Hasenbergsteige. Hier befindet sich die Fischeranlage mit einem Jugendstildenkmal für den Dichter Johann Georg Fischer. Über Jahrzehnte hielt er bei den jährlichen Schillerfeiern des Stuttgarter Liederkranzes die Festreden. Beim abwärtsgehenden Betrachten der Fassaden wurde die Gruppe von einer zufällig aus dem Haus kommenden Bewohnerin eingeladen, den Flur und das Treppenhaus zu besichtigen. Die Decke war mit zartem floralem Stuck ausgestaltet, der Boden mit Fliesen bedeckt, bei denen sich Blattwerk, Früchte und geometrische Muster gegenseitig durchdrangen. Etwas weiter unten in der Hasenbergsteige waren noch zwei Reliefs mit der Anspielung auf den Namen „Hasenberg“ zu sehen. Am Fuße der Hasenbergsteige erinnert der Gänsepeter-Brunnen an die Zeit, als die Gänseherden für den Martinstag nach Stuttgart getrieben wurden, wobei die Hausfrauen des Stuttgarter Westens sich bereits hier die fettesten Gänse sichern konnten. Etwas weiter in der schon fast eben verlaufenden Hasenbergstraße sahen die Teilnehmer noch ein Haus, das in der Gründerzeit im Stil des Historismus erbaut und 1902 im Jugendstil renoviert wurde. Im Erker sind vier Frauenköpfe angebracht, in Anspielung auf die vier Töchter des Besitzers, dessen Initialen E.L. in einem blumenumrankten Medaillon darüber zu sehen sind.
Beeindruckt und müde von dem zweieinhalbstündigen Rundgang durch den Stuttgarter Süden und Westen ließen sich die Kirchheimer noch am Feuersee zu einer Rast nieder. Dabei kam vielfach der Wunsch auf, weitere Stuttgarter Erkundungstouren in das Programm des Heimatbundes aufzunehmen.et
