Konzert mit hochbegabten russischen Kindern in der evangelischen Kreuzkirche in Kirchheim
Hellwaches Musizieren

Kirchheim. Glück und Elend, Triumph und Katastrophe lagen dichter beieinander als sonst in einem Konzert. Der Lions Club Kirchheim-Nürtingen hatte zu


Ernst Leuze

einem Benefizkonzert mit vier höchstbegabten russischen Kindern in die Kreuzkirche Kirchheim eingeladen. Natürlich war die Kirche überfüllt. Und natürlich war das Können der zwölf- bis 14-jährigen Jugendlichen von einer Qualität, die jegliche Vorstellungskraft überstieg. Die Begeisterung der Zuhörer kannte keine Grenzen.

Aber eine Weltklasse-Pianistin, man kann es nicht anders sagen, auf einem müden Kirchenklavier spielen zu lassen – das ist eigentlich ein Skandal. Am Abend zuvor in der Kreuzkirche Nürtingen stand ein Konzertflügel da. Das zwölfjährige Wunderkind, Studentin am Moskauer Konservatorium, wird Kirchheim als schäbiges Provinznest in Erinnerung behalten.

Der Lions Club hat über seine internationalen Partnerschaften in die Schweiz, nach Sotschi und Moskau wichtige Persönlichkeiten miteinander in Verbindung gebracht; immerhin waren höchstrangige Amtsträger aus Russland, Polen, Italien und Deutschland mit von der Partie. Nach dem Präsidenten Jürgen Rüdinger, der launig durch den Abend geführt hatte, sprach auch Elena Karaseva, die Past-Governorin des Distrikts Moskau, ein Grußwort. Alle setzten sich für den guten Zweck ein: die Unterstützung eines russisches Kinderheimes. Für einen Service- Klub mag das zwar eine Selbstverständlichkeit sein, doch junge Künstler von solchem Weltniveau dabei in unsere Region zu bringen, geht weit über das Übliche hinaus und verdient allerhöchste Anerkennung.

Wenn es gelänge, die Aktion einmal zu wiederholen, was sehr zu hoffen ist, dürfte sich der große Steinway-Flügel in der Stadthalle auf ein Klavierspiel freuen, das er noch nie erlebt hat. Aber die Zauberpianistin Margarita Molchanova müsste dabei sein – und unbedingt Lidia Stupakova-Koneva (Violine), eine „Paganina“ von erst 13 Jahren und einer unbegreiflichen musikalischen Reife.

Doch zurück zum Konzert: Das erste Stück war eine Triosonate von Karl Philipp Emmanuel Bach, ein scheinbar leichtes Stück. Die beiden Violinen mit Michael Mitrofanov an der zweiten Geige spielten sauber, hochvirtuos, aber jenseits alles stilistischen Verstandes – auf jeden Fall aber besser, als ihre Lehrer es ihnen beigebracht haben mögen. Der Cellist Ivan Peshenichnikov war mit seiner Generalbass-Partie hoffnungslos unterfordert und konnte erst später zeigen, was wirklich in ihm steckt.

Richtig musikalisch wurde es erst mit den romantischen Stücken für Violine, Cello und Klavier. Michael Mitrofanov legte verschmelzende Kantilenen und rasante Eskapaden hin, dass es nur so eine Freude war. Lidia Stupakova-Koneva verhexte das Publikum mit Sarasates-Zigeunerweisen. Schwindelerregend!

Die einzige ebenbürtige Leistung bot Margarita Molchanova mit Chopins Scherzo b-Moll. Der Komponist wusste ganz genau, wie man auch für bescheidene Klaviere effektvoll schreibt. Die erst Zwölfjährige erfasste das intuitiv und zauberte vom ersten Ton an mit untrüglichem Spürsinn die feinsten Nuancen. Sich so auf ein unzulängliches Instrument einzustellen ist nicht erlernbar – Margarita Molchanova ist eine Begnadete. Später bei Rachmaninov half aber alles Zaubern nichts mehr; diese Musik klingt nur auf einem Konzertflügel.

Spätestens jetzt musste die musikalische Betreuerin der Truppe genannt werden: Musikdirektorin Tatiana Malisheva. Ihre ordnende Hand war immer präsent und sehr wohltuend. Ob sie allerdings gut beraten war, die Solostücke der Streicher selbst zu begleiten, sei dahingestellt. Dabei hat sie doch so gut geführt.

Ein Hochgenuss zum Schluss: wie sich bei Dvoraks Klavierquartettstücken die jungen Musiker aufeinander einstellten und sich die Bälle zuwarfen. Das war hellwaches Musizieren, bis noch in zwei Zugaben hinein.

Wenn die jungen Künstler wieder auf dem Rückflug sind, dann erinnern sie sich sicher begeistert an die überschwängliche Gastfreundschaft in den Lions- Familien. Das lässt darauf hoffen, dass sie wiederkommen werden.