Kirchheim. Zunächst wirkt die Ausstellung in der Städtischen Galerie Kirchheim wie eine Mischung aus digital produzierten Architekturzeichnungen und Ansichtskarten, die wie naturkundliche Schmetterlingssammlungen in kleinen Schaukästen präsentiert werden. Die Zeichnungen und Objekte von Ulrike Heydenreich sind dort bis zum 8. Mai zu sehen. Das Licht im Ausstellungsraum ist reduziert und besteht hauptsächlich aus Spots, die auf die Boden- und Wandarbeiten ausgerichtet sind. Der ganze Raum ist seitlich mit Stellwänden gestaltet, wie ein zum Eingang geöffneter Bühnenraum. Die Motive zeigen „Schöne Blicke“, das Hochgebirge jenseits der Vegetationsgrenze. Es sind Bleistiftzeichnungen, die in die kleinen Schaukästen und am Boden liegenden runden Panoramakästen montiert sind.
„Mir gefällt das Romantische daran. Das Perfekte, Idealisierte gefällt mir“ sagt die 1975 in Böblingen geborene Künstlerin, die in New York und Weimar studierte und heute in Düsseldorf lebt. „Angefangen habe ich mit Panoramen, indem ich mir Gestelle als Staffeleien gebaut habe, um meinen Rundum-Blick zu zeichnen“, so Ulrike Heydenreich.
Ansichtskarten und Fotos aus Büchern der Dreißigerjahre, die Titel wie „Abfahrten, die man gefahren sein muss“ oder „Skiparadiese“ trugen, dienten dabei als Vorlagen und ergaben mit der Zeit einen Fundus, der bis heute immer neu zusammengesetzt, aber auch mit Bildern aus dem Netz erweitert wurde. Manche Motive, manche Berggipfel tauchen jedoch immer wieder auf.
„Nach einiger Zeit war ich aber an dem Punkt angelangt, wo ich gefragt habe, was könnte es noch für Situationen geben? Diese habe ich dann erfunden. Die Zeichnungen in den Objektkästen zeigen Realität und Erfundenes.“
Christian Gögger, Kurator des Kunstvereins Esslingen, wies in seiner Einführung auf Bezüge der Arbeit Ulrike Heydenreichs zum achtzehnten Jahrundert hin, zu Goethe und Herder, deren Reisen nicht mehr auf die Eroberung neuer Erdteile abzielte, sondern den idealisierenden Naturbegriff der Romantiker vorbereitete. Sie sahen dabei die Natur als Empfindung, die man sich für das Schreiben der eigenen Existenzgeschichte zu eigen machte.
In Heydenreichs Arbeiten fließen die Begeisterung für Hochgebirgsmotive, die akribische Handwerklichkeit und die Ergebnisse digitaler Programme beim Konstruieren der komplexen Bild- und Präsentationsstrukturen zusammen. Kleine Schaukästen zeigen Zeichnungen, die wie flache Bühnenkulissen gebaut sind. Die perspektivisch zusammenlaufenden Wände bestehen aus geknicktem Papier. Der flache Raum wird dabei zuerst am Computer konstruiert, dann wird über ein Papierschnitt-Programm die Schablone für den Schnitt des Zeichenbogens ausgedruckt. Erst wird das Papier angeschnitten, dann wird gezeichnet, dann gefaltet und geklebt. Jeder Kasten zeigt einen einzigen Bogen Papier, der „origamiartig“ weiterbearbeitet wurde. Die aus Papier perfekt gebauten Inszenierungen dienen einem ähnlichen Zweck wie die Dioramen im Naturkundemuseum: Sie wurden gemacht, „damit man eine Vorstellung davon hat, wie es wirklich ist,“ so Heydenreich.
Am Boden sehen die Besucher Panoramaringe, die mit einer Seite auf runden Podesten aufliegen, wie Verpackungskisten, die zum Transport wieder zusammengesteckt werden müssen. Sie bestehen aus runden, lackierten Metallrahmen. In die Ringe wurden Bleistiftzeichnungen unter Glas kreisförmig eingefügt. Zu sehen sind Panoramalandschaften, wie bei alten Bildmaschinen aus der Zeit vor der Erfindung des Kinos. Es sind wirkliche Landschaftsmotive, die von der Künstlerin aber neu zusammensetzt wurden. Die komplexen Präsentationsobjekte zeigen: Hier wird Digitales und Handwerkliches miteinander verbunden; es geht um Handlung und um Zeichnung, um Umgangsformen mit dem Bild.
Als drittes Format gibt es Siebdrucke in Kästen. Die Papiere sind ebenfalls nicht flach in den tiefen Rahmen befestigt. Die Blätter sind gefaltet und entfaltet wie Wanderkarten aus der Tasche eines Anoraks und bilden daher ebenfalls eine räumliche Struktur. Die Künstlerin wählt für diese Siebdrucke eine Stelle aus einer Landkarte als Ausgangspunkt und Vorlage. Die kleinen Ausschnitte werden dann nach allen Richtungen gespiegelt. Heydenreich arbeitet dabei mit einem japanischen Computerprogramm, das ein System aus roten Linien hervorbringt, das mit realen Spiegeln nicht darstellbar wäre.
Ulrike Heydenreichs künstlerische Arbeit bezieht ihre Qualität nicht nur aus handwerklicher Perfektion und feinmotorischer Zeichnung, sondern auch aus dem virtuosen Umgang mit der digitalen Technik. Dabei ist ihr aber der ursprüngliche romantische, idealisierende Hang zu den Hochgebirgsmotiven nicht verloren gegangen: „Jeder Berggipfel hat seinen Charakter, die Schneelandschaften fließen so schön, man kann mit den Schatten spielen, dann sieht man die Fotografie hinterher anders.“
Die Werke von Ulrike Heydenreich sind noch bis zum 8. Mai in der Städtischen Galerie im Kornhaus zu sehen.
