Kirchheim. Noch nie waren sie sich so einig wie heute: Vertreter der Kreiskliniken und der niedergelassenen Ärzteschaft ziehen an einem Strang. Gestern haben sie im Kirchheimer Krankenhaus eine Kooperationsvereinbarung unterschrieben. Dadurch soll die ärztliche Weiterbildung, die teils im Krankenhaus, teils in Praxen erfolgen muss, möglichst reibungslos vonstatten gehen. Für die Patienten ist dies auf jeden Fall eine erfreuliche Botschaft: Eine enge Zusammenarbeit zwischen Krankenhaus und Hausarzt verkürzt die Informationswege und reduziert die Zahl der Ansprechpartner.
Doch dies ist nur einer von vielen Gründen, weshalb sich die Bezirksärztekammer Nordwürttemberg mit den niedergelassenen Medizinern der Ärzteschaft Kirchheim-Nürtingen sowie den Kreiskliniken Esslingen zusammengesetzt hat. Die medizinische Versorgung im Kreis gelangt derzeit offenbar an ihre Grenzen: „Chefärzte können Assistenzarztstellen nicht mehr besetzen, im Niedergelassenenbereich bleiben Praxen leer“, fasste Dr. Peter Meyer zusammen, der Vorsitzender der Ärzteschaft ist. Junge, gut ausgebildete deutsche Ärzte wandern ab – teils ins Ausland, teils in andere Branchen wie den Pharmabereich. Ihnen soll nun die Stellensuche und die Weiterbildung in verschiedenen Fachrichtungen im Landkreis Esslingen leichtgemacht werden.
„Die Kreiskliniken sind sehr am Kontakt zu den niedergelassenen Kollegen interessiert“, schilderte Thorsten Lukaschewski, Ärztlicher Direktor im Klinikum Kirchheim-Nürtingen, die Sicht der Dinge für seine Krankenhauskollegen: So komme es letztlich direkt den Patienten zugute, wenn beide Seiten möglichst viel voneinander wüssten. „Im Grunde leben wir den Vertrag schon“, freute sich Lukaschewski, dass es keine Berührungsängste zwischen Klinik und Niedergelassenenbereich gebe.
Das ist nicht selbstverständlich. Zum einen waren sich Klinikärzte und Hausärzte früher traditionell nicht gerade grün. Zum anderen hat die hiesige Region mit ihrem nagelneuen Vertragsabschluss bundesweit die Nase eindeutig weit vorn. In ganz Baden-Württemberg gibt es gerade mal drei solcher Kooperationsmodelle.
Von einem „Meilenstein“ sprach daher Armin Flohr, Geschäftsführer der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg. Dr. Wolfgang Miller, Vorstandsmitglied der Bezirksärztekammer und selbst niedergelassener Chirurg, betonte, dass heutzutage der Hausarzt der Dreh- und Angelpunkt der medizinischen Versorgung sei. Ihn gelte es daher zu fördern, sowohl in der Entscheidung zur Niederlassung als beispielsweise auch in der Weiterbildung. Durch den neuen Verbund könne auch Ärztinnen nach der Familienpause der Wiedereinstieg entscheidend erleichtert werden.
Dr. Rudolf Handschuh aus Nürtingen zeigte sich überzeugt von dem neuen Modell, das nun vor allem die Hausärzte im Kreis zum Vorteil aller Beteiligten stärken soll. Er verwies auf die wachsende Bedeutung dieser Sparte, die sich unter anderem im neu eingerichteten Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an der Universität Tübingen spiegle.
Zwar war allen Vertragsunterzeichnern klar, dass die neue Kooperation die medizinische Welt mit ihren vielschichtigen Problemen nicht auf den Kopf stellen wird. Dennoch ist man der Überzeugung, das Bestmögliche geschaffen zu haben: „Die enge Verzahnung zwischen Klinik und Niedergelassenen hat Zukunft“, blickte Franz Winkler, Geschäftsführer der Kreiskliniken, zuversichtlich nach vorn.
