Die 13. Frauenlesenacht in der Kirchheimer Stadtbücherei brachte Frauen verschiedenster Kulturen zusammen
„Ich bin nicht Fisch und nicht Fleisch“

Kirchheim. Um Frauen verschiedener Kulturen zusammenzubringen, findet seit 13 Jahren in der Stadtbücherei Kirchheims die Frauenlesenacht statt. Hier stellen einige Frauen ihr Herkunftsland und seine Literatur vor, und das ausschließlich 


weibliche Publikum darf eintauchen, nachfragen und diskutieren.

Am Freitagabend war es wieder soweit: Mit etwa hundert Gästen war die Bücherei gut gefüllt. Der Pädagoginnentreff hat die Veranstaltung ins Leben gerufen und organisiert mit dem Ziel, interessante Begegnungen über Sprache zu bieten.

Zu Beginn gab es Musik von Sofia Neroladakis, einer „halben Griechin“, die, wie sie bemerkte, „ in der Kinderleseecke aufgewachsen“ ist, und Johanna Herdtfelder. Die beiden trugen teils selbst komponierte Stücke vor. Dass neben Gitarre, Querflöte und Gesang noch ein arabisches Lied auf einer amerikanischen Bluebrass-Mandoline zu hören waren, zeigt, wie multikulturell es an diesem Abend zuging. Nach dem musikalischen Beitrag gab die interkulturelle Frauentheatergruppe „Wilde Schwestern“ aus Kirchheim kleine Szenen zu den Themen „Anderssein“ (dürfen), Vielfalt und Akzeptanz zum Besten.

Danach hatten die Gäste die Qual der Wahl. Fünf Vorleserinnen aus Korea, der Mongolei, Japan, Italien und Portugal hatten sich bereit erklärt, dem Publikum ihre Kultur nahe zu bringen. In den Leseecken, die teilweise mit traditionellen Gegenständen aus den Ländern geschmückt waren, erwarteten die Gäste Frauen, die nicht nur Märchen und Gedichte in ihrer Muttersprache und dann auf Deutsch vorlasen, sondern auch über ihr Herkunftsland sprachen und sich ausfragen ließen.

Die Japanerin Yoshimi Schweizer ist mit einem Deutschen verheiratet und unterrichtet Japanisch. Sie begrüßte ihr Publikum mit einer Verbeugung, beschrieb zuerst ihr Herkunftsland und berichtete, dass es in Nordjapan sehr harte Winter gibt, bei denen der Schnee schon mal bis unter die Dächer reichen kann. Damit erklärt sie sich, warum die Nordjapaner sehr ruhig und eher in sich gekehrt seien, so wie es in dem Gedicht „Selbst dem Regen trotzen“ vom nordjapanischen Poeten Miyazawa Kenji beschrieben wird. Es hat vielen Japanern geholfen, nachdem der Tsunami Verwüstung und Schrecken angerichtet hatte. In dem Gedicht geht es darum, dass man gelassen bleiben, sich für andere aufopfern und eigene Probleme hintanstellen sollte. Schweizer führt die Gelassenheit vieler Japaner bei der Katastrophe auf dieses Gedicht zurück. Das ist, wie die Japanerin erzählte, auch typisch für die japanische Kultur: Japaner sind höflich und wollen andere nicht mit ihren Problemen belästigen. „Aber ich glaube nicht, dass alle Japaner das schaffen“, meinte sie lächelnd. „Bei Deutschen spürt man sofort, wenn sie schlechte Laune haben. Ich verstecke immer alles.“

Als sie das Gedicht zuerst auf Japanisch vortrug, lauschten viele mit geschlossenen Augen. „Klingt ganz anders, gell?“ fragte Schweizer, und damit hatte sie recht. Auch wenn niemand auch nur ein Wort verstanden hatte, entführte die Sprache doch in eine andere Welt.

Ganz anders ging es in der Ecke der Italienerin Mirijam Pasquini zu, die es nicht für authentisch gehalten hätte, etwas auf Italienisch vorzutragen: Sie wurde in Deutschland geboren, sieht Deutsch als ihre Muttersprache und fühlt sich als Schwäbin, nicht als Italienerin. Trotzdem will sie ihre italienischen Wurzeln nicht vergessen, und versucht deshalb mit ihrer Nudelmanufaktur etwas italienische Kultur nach Kirchheim zu bringen. Das war auch ihr Ziel bei der Frauenlesenacht. Bei ihr konnten die Zuhörerinnen viel über die Geschichte und Herstellung des Pestos erfahren und nebenher davon probieren.

Sie erzählte von ihrer Kindheit, als sie in der Realschule die einzige Ausländerin in ihrer Stufe war und deshalb nur deutsche Spielkameraden hatte. Wenn sie darauf angesprochen wird, dass sie Ausländerin ist, wundert sie sich immer, da sie zwar die italienische Staatsangehörigkeit hat, sich aber hier viel heimischer fühlt als in Italien. „Hier bin ich die Italienerin, in Italien bin ich für alle die Deutsche. Ich bin nicht Fisch und nicht Fleisch“, sagte sie. Das ist der Grund dafür, dass ihr Thema bei der Lesenacht Pesto war: „Essen verbindet, da gibt es keine Grenzen“ meinte Pasquini.Ihr ginge es genau anders als vielen Migrantinnen, die in Deutschland das Image der Gastarbeiterin nie so ganz loswerden. Als sie in der Automobilindustrie als Vermittlerin zwischen italienischen und deutschen Konzernen tätig war, war ihr Problem immer, dass sie wegen ihrer zu deutschen Arbeitsweise nicht in das Konzept italienischer Firmen passte.

Nachdem sich die Frauen beim Buffet über das Gehörte austauschen konnten, gab es noch eine Gutenachtgeschichte für alle. Bei einem Ausschnitt aus Horst Ebers „Für Eile fehlt mir die Zeit“ wurde viel gelacht, und es ging – wer hätte das gedacht – um Männer. So konnten alle lachend nach Hause gehen, und der Abend war rundum gelungen.