Kirchheim. „Zeige mir die Werke deiner Künstler, und ich sage dir, in was für einem Land du lebst“, ist sicherlich eine etwas simple Abwandlung einer alten Volksweisheit. Und doch, ein Funken Wahrheit lässt sich
indes nicht leugnen hinsichtlich der nicht zu unterschätzenden Wirkung von Kunst – jener, die darin besteht, ein Bewusstsein für die Konstruiertheit unserer symbolisch repräsentierten Wirklichkeit zu schärfen.
Julia Wenz gelingt dies mit ihrem überaus ambitionierten, künstlerisch integren Werk „Islandtief“. Im Kornhaus stellt sie Zeichnungen, Fotografien, Installationen und Videos aus –Reflexionen dessen, was die Künstlerin während ihrer Aufenthalte in Island als tagtägliche Erfahrungswelt betrachtet. Zwischen einem beispiellos wütenden Orkan Kyrill, der auf Island Hochspannungsmasten zusammenfaltete wie weiland begabte Frauenhände Serviettenpapier zu falten pflegen. Die fein ziselierten, großformatigen Tuschezeichnungen von Julia Wenz zeichnen den desaströsen, durch Naturgewalt ausgelösten Niedergang der Technik nach. Die Ausstellung wirft zu Recht Fragen auf nach dem Zustand eines Landes in technologischer, politischer und soziologischer, aber auch ökologischer Hinsicht.
Vor nicht allzu langer Zeit stürmte eine Gruppe wütender Isländer das isländische Parlament. Dieser „Hausfriedensbruch“ war nur eine von vielen Protestaktionen aufgebrachter Bürger. Sie vertrauten ihrer Regierung nicht mehr, nachdem der Staat kurz vor dem Bankrott stand. Die Landesbanken waren pleite, die isländische Bankenkrise stürzte das bis dahin florierende Touristenparadies beinahe ins Aus.
Und heute, das Szenario ähnelt sich, ist Griechenland in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Julia Wenz bedauert, dass „leider viel zu schnell verdrängt wird, aber angesichts sich ständig überschlagender Horrornachrichten ist das auch verständlich“. Daher auch die Skulptur aus Plastik, Karton und Schaumstoff, die daran erinnert, dass auf Island ständig um- und ausgezogen wird. „Viele Isländer haben aufgrund des Bankencrashs ihre Häuser verloren, im Norden ziehen vor allem die jungen Leute weg, weil sie keine Zukunft mehr auf der Insel sehen“, erzählt die Künstlerin, die in Stuttgart lebt und arbeitet. Seit 2004 hat sie mehrere Stipendien erhalten. Diese ermöglichten es ihr, in Schottland und Frankreich sowie auf Island zu arbeiten.
Island, diese naturgewaltige, schöne und zugleich harte Insel, an die sich das Leben in einer geradezu pathetischen Leidenschaft klammert, sagenumwobene Bergtäler, Lavafelder, Moore, Heidelandschaften und Fjorde, alles scheint mit einer Saga verbunden zu sein. Ein Land, das von seinen literarischen Überlieferungen lebt und überlebt, bietet so einen Schutzwall auch in existenziell schwierigen Zeiten. In den eigenen vier Wänden schaffen sich die Isländer „ein Auge im Sturm“. Dieser ruhende Pol ist in der Ausstellung ein Raum im Raum. Julia Wenz entwirft ein privates Wohlfühlambiente mit Holztisch, Schafsfell, Wollpullover und Tauen, alter Standuhr und Harmonium – ein soziokultureller Umgang mit Tradition und Geschichte. An den Wänden zwei Petrischalen aus Glas mit isländischem Moos bestückt, wobei sich bei einem der Bilder im satten Grün ein Schafskiefer, bemalt in knalligem Magenta, eingenistet hat.
Metaphorisch betrachtet erweist sich das künstlerische Schaffen von Julia Wenz als geniale Schwester der Landesgeschichte im politischen, sozialen, ethnologischen, historischen und ökonomischen Sinne.
