Kleindenkmale im Landkreis: Norbert Häuser und Manfred Waßner präsentieren Buch „Auf Spurensuche“
Im Jungfernloch bei Wasser und Brotinfo

Esslingen. Das Zuchthäusle bei der Kirche in Aichwald-Aichschieß, auch Jungfernloch genannt, ist ein beredtes Zeugnis dafür, dass „die gute alte Zeit“ doch nicht so gut war und die heutige Zeit „nicht nur Schlechtes gebiert“. Norbert Häuser, Koordinator, Ideengeber, Schaltstelle und Ansprechpartner, stellte die 


Historie des steinernen Zeugnisses aus Aichschieß exemplarisch als eine von 124 vor, die in dem druckfrischen Werk „Auf Spurensuche: Geschichten von Kleindenkmalen im Landkreis Esslingen“ zu finden sind. Gemeinsam mit dem Mitherausgeber, Kreisarchivar Manfred Waßner, präsentierte Häuser das Werk zum Abschluss des Projekts „Kleindenkmale“ am Mittwochabend vor rund 150 „Spurensuchern“ und Interessierten im großen Sitzungssaal des Landratsamtes Esslingen.

Freilich gibt es im Landkreis Esslingen ungeheuer viel mehr steinerne, hölzerne, eiserne und gläserne Zeugnisse der Vergangenheit. Rund 120 Männer und Frauen spürten in ehrenamtlicher Arbeit in den vergangenen drei Jahren etwa 4 000 Kleindenkmale im Landkreis Esslingen auf und dokumentierten sie. Doch diese Vielzahl an Geschichten passte natürlich nicht zwischen die beiden Buchdeckel, wie Kreisarchivar Manfred Waßner sagte. „Deshalb mussten wir eine Auswahl treffen.“ Sein Trost: Aus allen 44 Städte und Gemeinden im Kreis sind Kleindenkmale und ihre Geschichten im Buch vertreten. Die gesamte Dokumentation, gut verwahrt in drei DVDs, ist zudem im Kreisarchiv öffentlich zugänglich.

„Das Projekt ist für den Landkreis ein Glücksfall“, freute sich Landrat Heinz Eininger. Nicht nur, weil so viele Spurensucher uneigennützig an die Arbeit gingen, sondern weil dadurch in einem der dichtest besiedelten Landkreise „Schätze von besonderer Bedeutung“ für die kommenden Generationen geschützt und erhalten werden können.

Die „Urkunden der Geschichte“ zu bewahren ist auch ganz im Sinne des Landesamtes für Denkmalpflege, wie Ulrike Plate sagte. Zwar war es ihren Worten zufolge nicht einfach, das Projekt im Haus zu platzieren, doch letztendlich sprach sie von einer „Erfolgsgeschichte“.

„Müsste man das bezahlen, es wäre schlicht unmöglich“, zeigte Reinhard Wolf, Vizepräsident des Schwäbischen Albvereins und SHB-Vorstandsmitglied, auf das in über 50 Leitz-Ordnern wohlsortierte Ergebnis des vom Schwäbischen Heimatbund initiierten Kleindenkmalprojekts. Der vom Kleindenkmalvirus Infizierte war sich sicher, dass der SHB und der Schwäbische Albverein auch weiterhin ein Auge auf die historischen Zeugnisse haben werden.

Martina Blaschka und Eva-Maria Krauße-Jünemann vom Landesamt für Denkmalpflege, die beide das Projekt fachlich begleiteten, waren überzeugt: „Das Ziel, Kleindenkmale ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen, wurde gut erreicht.“ Blaschka erinnerte an die große Auftaktveranstaltung am 12. Mai 2009, an die vier Schulungstreffen der Spurensucher und an den Abschluss des Projekts vor Weihnachten 2010. „Sie können stolz sein auf das, was sie erarbeitet haben.“

Der Kleindenkmalvirus grassierte nicht nur im Kreis Esslingen, sondern auch in weiteren 15 Landkreisen Baden-Württembergs. Rund 1 500 Mitarbeiter lokalisierten, beschrieben und recherchierten in Archiven die Geschichten von insgesamt 48 000 Kleindenkmalen.

Dem Landkreis bestätigte Eva-Maria Krauße-Jünemann, ein breit gefächertes Spektrum an Kleindenkmalen zu besitzen, die andernorts durch „Unkenntnis und Vergessen“ bedroht seien. Dass das Gebiet des Kreises einst vornehmlich protestantisch geprägt war, leitete sie aus der Dokumentation des „Sachgedächtnisses“ ab. Unter den fast 4 000 Kleindenkmalen befanden sich nur 94 Weg- und Feldkreuze. „In katholischen Gebieten wären das zahlenmäßig die Spitzenreiter gewesen.“ Nicht so im Kreis Esslingen. Hier liegen die Grenzsteine vorne. 1 178 wurden gezählt.

Krauße-Jünemann sah in der Dokumentation die Basis für weitere kulturhistorische Forschungen und nannte als Beispiel die Analyse der Gefallenendenkmale.

Um „Gefallene“ in ganz anderem Sinne handelte es sich bei den Insassen des Zuchthäusles in Aichschieß, „das fast im Schutze der dortigen Kirche steht“. Doch das täuscht. Im zwei bis drei Quadratmeter großen Jungfernloch mussten ledige Mütter bei Wasser und Brot einsitzen, die zuvor in der Kirche abgekanzelt worden waren, wie Norbert Häuser anschaulich den Zweck des steinernen Kleindenkmals beschrieb. „Man wollte damals keine prekären Verhältnisse in der Gemeinde“, deshalb drohten im 16. Jahrhundert auch einem Mann wegen vorzeitigem und unerlaubtem Beischlaf mit der ihm versprochenen Braut acht Tage im Turm und der Frau vier Tage im Frauengefängnis. Waren die beiden nicht verlobt, so erhöhte sich die Strafe um das Doppelte.

Das Buch „Auf Spurensuche: Geschichten von Kleindenkmalen im Landkreis Esslingen“ ist Band 1 der Schriftenreihe des Kreisarchivs „Gegenwart und Geschichte im Landkreis Esslingen“ und kann in den Buchhandlungen erworben werden. ISBN 978-3-933235-20-6. Band 2 wird sich den Burgen im Landkreis widmen.