Owen. Einmal quer durch den Kreis: Bis zum Jahr 1935 hatte das Finanzamt Nürtingen seinen Sitz in Neuffen. Im Jahr 2005 wurde Kirchheim zu einer Außenstelle von Nürtingen. Zur offiziellen Begrüßung von Reichle und der Verabschiedung seines Vorgängers Jürgen Lieven waren gestern fast alle der 269 Mitarbeiter in Nürtingen und Kirchheim in die Teckhalle nach Owen gekommen. An den Reaktionen und so manchem Lacher im Saal war zu merken, dass die Zuhörer jede kleine und spitze Bemerkung am Rednerpult bestens zu interpretieren wussten.
Das erste Wort hatte Regierungsdirektor Gerhard Neidlein. Mit Reichle, sagte er, sei ein „guter und würdiger Nachfolger als Vorsteher“ gefunden worden, dass könne man bereits sagen, und das sei echt gemeint. Sieben Monate lang musste Neidlein in der vorsteherlosen Zeit den Vertreter machen und machte das, so war an vielen Stellen zu hören, sehr gut.
Auch Oberfinanzpräsidentin Andrea Heck von der Oberfinanzdirektion Karlsruhe hatte eine Vertretung übernommen, sie sprach für Ministerialdirektor Wolfgang Leidig. Die Steuerverwaltung, sagte sie, sorge dafür, dass der Staat handlungsfähig bleibe. Dem Staat solle das zufließen, was ihm nach dem Gesetz zustehe. Gut 61 Milliarden Euro wurden in Baden-Württemberg im Vorjahr vereinnahmt, davon kam eine knappe Milliarde vom Finanzamt Nürtingen. Von 1998 bis 2008, kritisierte Heck, seien im Land in der Finanzverwaltung rund 2000 Stellen abgebaut worden, sie wurden nur zum Teil durch die technische Entwicklung aufgefangen. Die neue Landesregierung habe 500 neue Stellen und 500 neue Auszubildende zugesagt, davon seien bisher je 350 angekommen. Die Trendwende sei geschafft, aber sie brauche Zeit, denn die Finanzverwaltung müsse ihre Mitarbeiter selbst ausbilden. Allein durch Rentner stiegen die Fallzahlen pro Jahr um 20 000, auch die erfreulichen Selbstanzeigen machten viel Arbeit. „Das Wort klingt, als ob der Steuerbürger die Arbeit selbst macht, aber wir müssen prüfen.“ Die Personalsituation bleibe angespannt. Nürtingen liege bei den meisten Vergleichszahlen im Mittelfeld. Mit Ausnahme der Betreiberquote, dem Eintreiben offener Posten, dort sei Nürtingen eines der besten Ämter des Landes.
Seine bisher 30 Jahre in der Finanzverwaltung verbracht Reichle fast durchweg in Ulm. Dort machte er nacheinander fast alles, was ein Finanzamt zu bieten hat, bis hin zur Steuerfahndung. Reichle wird nicht nur hohe Fachkompetenz, sondern auch eine direkte und offene Art nachgesagt. Er sei froh, dass sich das Bild des Steuerpflichtigen gewandelt habe, sagte er, und Mitarbeiter seien keine Veranlagungsmaschinen. Im Zweifelsfall solle für den Bürger entschieden werden, in dessen Auftrag das Finanzamt ja tätig sei – nicht immer, aber wo immer möglich.
Lieven, der sechs Jahre Nürtinger Vorsteher war, wechselt als Vorsteher nach Stuttgart. Er hoffe, gab er dem Neuen mit, „dass uns die Technikgläubigkeit nicht übermannt, dass die Intuition ihren Platz behält“. Susanne Hahn, die Vorsitzende des Örtlichen Personalrats, würdigte die „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ mit Lieven.
Andreas Erwerle, Technischer Beigeordneter der Stadt Nürtingen, zitierte den Dichter Novalis: Die Leute sollten dem Staat ihre Steuern so zahlen, wie man einer Frau einen Blumenstrauß schenke. Weil das nur ein schöner Wunsch sei, brauche es eben das Finanzamt.
Und den Steuerberater, möchte mancher ergänzen. Der kam in Gestalt von Franz Longin, Präsident der Steuerberaterkammer Stuttgart, ebenfalls zu Wort. Er wünschte sich im Kontakt mit dem Finanzamt mehr E-Mails statt umständlichem Papier. „Lassen Sie uns ordentlich, aber menschlicher miteinander umgehen“, bat er, „Sie kriegen doch eh alles.“ Der ganze Saal lachte.
Was ist eigentlich aus der Entschuldigung geworden, die der junge Reichle empfohlen hatte? Der Chef ließ die Anregung dann doch durchgehen. Und die Oberfinanzdirektion folgte der Empfehlung. Zwar nur in einem Nebensatz, aber immerhin.
