Starke Wutgefühle zu kontrollieren ist nicht einfach. Der Beter des Psalms nennt jedoch einen Bereich, wo er dies als möglich sieht: Beim Einschlafen („auf eurem Lager“). Tatsächlich wird unser Gefäßsystem mit Stresshormonen überschwemmt, wenn wir den Tag nochmals Revue passieren lassen und uns ein verletzendes Ereignis oder eine nervige Begegnung nochmals in Rage bringt. Zwar nur in Gedanken, wie wir sagen. Doch unser Organismus löst eine spürbare Stressreaktion aus: Der Puls erhöht sich, der Blutdruck steigt, die Müdigkeit verfliegt. Und eigentlich wollten wir jetzt schlafen. Was tun?
Der Beter empfiehlt eine Strategie, die man auch heute anwendet. „Redet in eurem Herzen“ (im Kopf) und „seid stille“ (kommt zur Ruhe). In der Tat beeinflussen unsere Gedanken und Vorstellungen auch unseren Organismus. Wem es gelingt, diese beim Einschlafen in ein ruhigeres Fahrwasser zu lenken, bei entspannenden Situationen oder schönen Erinnerungen zu halten, der findet leichter zur Ruhe, in die „Stille“ der Nacht. Offenbar kannte auch der Apostel Paulus diese Strategie, wenn er empfiehlt, sich durch ein Denken von Gott her zu verändern (vgl. Römer 12, Vers 2), also im Umgang mit Sorgen Gelassenheit zu üben und sich betend auf Christus zu konzentrieren.
Auch viele christlichen Lieder ermutigen zu diesem positiven Selbstumgang: „Willst du wanken in Gedanken, fall in die Gelassenheit. Lass den sorgen, der auch morgen Herr ist über Leid und Freud“ (Johann Daniel Herrnschmidt). In diesen weisheitlichen Erfahrungen sind auch jene Worte der Wüstenväter verankert, die Anselm Grün in seinem Büchlein „Einreden“ zur Sprache bringt. Wo und wer immer auch diese Erfahrungen gemacht hat – jeder ist herzlich eingeladen, es selber zu versuchen: hindenken, sich konzentrieren auf den Sohn Gottes. Auch die vor uns liegende Karwoche lädt uns dazu ein.
Wilfried Veeser
Pfarrer in der Evangelischen
Kirchengemeinde Dettingen
