Isolde Fischer und Henriette Konschill gewährten Einblicke in die wundersame Welt der „Olchis
Isolde Fischer und Henriette Konschill gewährten Einblicke in die wundersame Welt der „Olchis

Kirchheim. Wer bislang glaubte, „Olchis“ wären von Erhardt Dietl frei erfunden worden, um Erwachsene zu ärgern und Kindern ein Riesenvergnügen zu bereiten, wurde am


Samstagnachmittag eines Besseren belehrt. Es gibt sie auch „in echt“ und sie sind genauso „unmöglich“, wie die Kinder sie aus ihren Büchern kennen – und lieben.

Isolde Fischer und Henriette Konschill vom Improvisationstheater www.drama-light.de waren als leibhaftige Vertreter der „Olchi-Familie“ in die Buchhandlung Zimmermann gekommen. Dort konnten sie grün geschminkt und schrillbunt gekleidet großes Aufsehen erregen und mitten in den Kinder- und Jugendtheaterwochen interessante Akzente und vor allem auch Duftnoten setzen.

Die mit Liebe zum Detail gezeigten Bilderbuchstars, die in „Schmuddelfing“ leben und gern mit ihrem sechsbeinigen „Feuerstuhl“ durch die Gegend fliegen, sind an Originalität kaum zu überbieten – und trotz möglicher Vorbehalte – zweifellos „pädagogisch wertvoll“. Viel lustiger und lehrreicher wird das aus unzähligen Geschichten Bekannte, wenn echte Schauspieler mit Kindern „im passenden Alter“ gemeinsam improvisieren und voll überbordender Kreativität abenteuerlichste Dinge erfinden.

Mitgekommene Mütter oder Väter brauchten sich keine grundsätzlichen Gedanken zu machen, ob das alles gut und richtig ist. Ihre Kinder hatten nur noch Augen und Ohren für „ihre beiden Olchi-Erziehungsberechtigten auf Zeit“, die mit ihnen zugerufenen und kaum unter einen Hut zu bringenden Vorgaben spontan die verrücktesten Geschichten entwickelten, aberwitzige Gedichte schmiedeten oder Lieder sangen, die sich zwar reimen durften, aber möglichst so schaurig-schön klingen mussten, wie die beiden Besucher aussahen.

Dass es für sie offensichtlich ganz leicht ist, selbst total aufgedrehte Kinder aus dem größten Chaos heraus höchst konzentriert auf feinste Töne achten zu lassen, konnten die beiden „Olchis“ mit einer Runde „Memory für die Ohren“ eindrucksvoll beweisen. Sich ein bestimmtes unbekanntes Geräusch zu merken und genau wiederzuerkennen, ist keine einfache Kulturtechnik. Sie wurde von den gelehrigen Schülern aber zur Freude ihrer beiden „Erziehungs-Autoritäten“ ohne Druck und Drill praktiziert – und das ohne langes und damit langweiliges Pauken.

Man mag bezweifeln, dass Namen oder Begriffe tanzen tatsächlich glücklich macht. Dass es Kindern aber wirklich ungemein viel Spaß machen kann, gemeinsam das Geräusch einer Fliege zu entwickeln, die im Steigflug auf halber Strecke ohnmächtig nur deshalb auf die Erde fällt, weil sie zu intensiv an einem Olchi gerochen hat, war nicht zu übersehen.

Die beiden Schauspielerinnen zogen alle Register ihres Könnens und wurden von den aufgeweckten und begeistert mitmachenden Kindern zu immer neuen Höchstleistungen he­rausgefordert. Dass sich die Mühe für beide Seiten lohnt, war klar, denn die beiden schrillen und super-anarchischen „Olchis“ versprachen, dass alle am Ende ein Diplom bekommen werden – und das wurde auch gehalten. Bevor „gestrenge Prüfungsfragen“ beantwortet wurden, um dann möglichst laut und falsch zu singen oder fragwürdige Geräusche zu produzieren, galt es – wie bei ganz konventionellen konservativen Erzieherinnen erst einmal geduldig anzustehen und zu warten. Probleme gab es dabei nicht, denn die beiden Schauspielerinnen verstanden es über alle Maßen gut, die Herzen der Kinder im Sturm zu erobern und dafür zu sorgen, dass sie die vielen höchst kuriosen Regeln akzeptierten.

Dass die innige Zuneigung zu den grünen Männchen und Mädchen nicht unbedingt allen leicht fällt, ist verständlich, denn Olchis sind nur bedingt hübsch, finden Müll toll, putzen nie die Zähne und riechen entsprechend streng. Eigentlich gefällt ihnen all das, was Erwachsene verbieten oder sich selbst nie trauen würden – doch genau das macht den Erfolg des Geniestreichs von Olchi-Erfinder Erhard Dietl aus. Dass auffällig aus der Reihe tanzende Kinderbuch-Helden trotz völlig unangepasstem Benehmen die größten Erfolge feiern können, ist schließlich nicht neu. Was mit dem Klassiker „Struwwelpeter“ begann, feierte mit der aberwitzig einfallsreichen Pipi Langstrumpf fröhliche Urstände. Aus der Villa Kunterbunt, die die ältere Generation noch begeisterte, ist für die Kids von heute eben die Müllhalde der anarchischen Olchis geworden.

Auch wenn sie unappetitliche Dinge essen, sich am liebsten im Matsch aalen und gegen jede geltende Anstandsregel verstoßen, haben sie eine Qualität, die eigentlich jedes Pädagogen-Herz höher schlagen lassen muss. Olchis sorgen erfolgreich dafür, dass Kinder nicht genug kriegen können von der anarchischen Welt, die ihnen die grünen Fantasiefiguren real vorleben. Begeisterungsfähig sind sie auch schon, wenn sie noch nicht jedes einzelne Wort selbst lesen können. Bücher, die je nach angesprochener Altersgruppe allmählich immer mehr Text und immer weniger Bilder haben, führen sie sicher durch den Spracherwerb, verleihen Kompetenz in der wichtigen Kulturtechnik des Lesens und führen verlässlich durch unterschiedliche Jahrgangsstufen – auch wenn man kurz vor dem Abi vielleicht doch gelegentlich schon in andere Bücher geschaut haben sollte.

Der Autor und Illustrator Erhard Dietl hat mit seiner faszinierenden Fantasie schon über hundert Kinderbücher veröffentlich, die zu Recht viele wichtige Auszeichnungen bekommen haben und auch schon in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Die Schauspielerinnen Isolde Fischer und Henriette Konschill sorgten mit ihrer mitreißenden Improvisationskunst und Kreativität für einen ungemein kurzweiligen und lehrreichen Nachmittag. So schlimm, wie manche Erwachsene denken, kann die schrecklich nette – und doch unentwegt fluchende – Olchi-Familie also wohl doch nicht sein.