Die Stadt Kirchheim lädt für Samstag zum letzten Badetag ins traditionsreiche Hallenbad ein
„Ist für heute wirklich Schluss?“

Am morgigen Samstag ist die letzte Gelegenheit zum Baden oder Schwimmen im Kirchheimer Hallenbad an der Friedrichstraße. Geöffnet ist ab 8 Uhr. Das Abschlussprogramm ist für die Zeit von 14 bis 18 Uhr vorgesehen. Der Eintritt ist den ganzen Tag über frei.

Kirchheim. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker spricht von „großer Wehmut, auch bei mir persönlich“. Schließlich habe sie bei der Eröffnung des Hallenbads am 9. November 1962 mitwirken können – als eines der Grundschulkinder, die schon einen „Spicker“ beherrschten. Die Wehmut bezieht sich aber nicht nur auf persönliche Erinnerungen, sondern auch darauf, dass das Hallenbad im Paradiesle einst der Stolz der Stadt war.

In einer Broschüre zur Eröffnung, die im Stadtarchiv aufbewahrt ist, war das Hallenbad als „das Kernstück des Goldenen Plans der Stadt Kirchheim“ bezeichnet worden. Unter dem „Goldenen Plan“ verstand man zu dieser Zeit die Ausstattung mit neuen Sportstätten, wie sie die Deutsche Olympische Gesellschaft forderte. „Damals war das Hallenbad ein Schritt in eine tolle Zukunft“, stellt die Oberbürgermeisterin heute fest.

Dass ein Hallenbadbau aber auch vor 50 Jahren nicht umumstritten war, geht aus der Broschüre ebenfalls hervor: Der damalige Oberbürgermeister Franz Kröning schrieb von der „Frage vieler Bürger, ob denn angesichts der bekannten vielen ungelösten Pflichtaufgaben der Bau eines Hallenbades ,schon an der Reihe‘ ist“, auf die er „mit uneingeschränktem ,Nein‘“ zu antworten habe.

Ein Hallenbad wäre also noch nicht an der Reihe gewesen. Es wurde aber dennoch gebaut, weil die Bürgerschaft eigens einen Hallenbadverein gegründet und 190 000 Mark an Spenden gesammelt habe. Der Zuschuss von Bund und Land belief sich auf 400 000 Mark, und weitere 100 000 Mark kamen vom Kultusministerium, weil das „Staatliche Hauswirtschaftliche Seminar“ das neue Hallenbad ebenfalls benutzen konnte. Den Rest der Gesamtkosten, die sich auf 3,31 Millionen Mark beliefen, hatte die Stadt Kirchheim selbst zu tragen.

Aber diese 2,62 Millionen Mark Eigenanteil sorgten immerhin dafür, dass die Stadt keine Lehrschwimmbecken für die Schulen bauen musste. „Das Hallenbad liegt zentral und dient allen Schulen“, stellte Franz Kröning seinerzeit fest, fügte aber auch noch hinzu: „Das Hallenbad dient allen Bürgern.“

Mit diesen Argumenten haben Schulen und Vereine im vergangenen Jahr versucht, das Hallenbad wenigs­tens noch als Schul- und Vereinsbad zu erhalten – letztlich vergebens. Angelika Matt-Heidecker konstatiert rückblickend: „Der Gemeinderat hat es sich nicht leicht gemacht.“ Aber ein jährlicher Verlust von 360 000 Euro und der energetische Zustand des Hallenbads hätten schließlich dazu geführt, das Bad an diesem Standort aufzugeben. Statt 100 000 jährlichen Besuchen, mit denen 1962 noch gerechnet worden war, gab es in den vergangenen Jahren nur noch rund 40 000 Besuche im Kirchheimer Hallenbad, Schulen und Vereine mit eingeschlossen. Mit der interkommunalen Zusammenarbeit mit Dettingen sei der Kirchheimer Gemeinderat nun einen mutigen Schritt gegangen.

Die Planungen für ein neues Hallenbad in Kirchheim werden damit aber nicht beiseite gelegt, sondern gehen weiter. Schon im Juli stehe das Thema wieder auf der Tagesordnung des Gemeinderats. „Für viele Menschen ist das natürlich kein Trost“, weiß die Oberbürgermeisterin. Wer regelmäßig zu Fuß ins Kirchheimer Hallenbad gekommen ist, um sich fit zu halten, für den sei Dettingen kein gleichwertiger Ersatz: Die Anfahrt ist aufwendiger, und die Badezeiten sind deutlich eingeschränkt.

Das alte Hallenbad wird jetzt nach der Stilllegung wohl noch einen Winter lang leer stehen und dann im kommenden Jahr abgerissen. An der Stelle, wo die Kirchheimer über Jahrzehnte hinweg schwimmen konnten, wohin viele aber auch zum Brause- oder zum Wannenbad kamen – wenn sie kein eigenes Bad hatten –, sollen Wohnhäuser entstehen.

Wie, beziehungsweise ob der letzte Badetag im Kirchheimer Hallenbad überhaupt zu feiern ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Die Stadt Kirchheim hat sich aber auf jeden Fall für einen würdigen Abschied nach 49 Jahren entschieden: Ab 14 Uhr gibt es verschiedene Vorführungen der Vereine. Die frühere Milchbar wird noch einmal reaktiviert, und auch gegrillt wird morgen am Hallenbad. Führungen durch die Technikräume, aber auch durch die früheren Brause- und Wannenbäder stehen ebenso auf dem Programm wie ein Film über den Bau des Hallenbads vor 50 Jahren. Um 18 Uhr soll dann zu Saxofonklängen, die vom Sprungturm ertönen, das Badewasser abgelassen werden – wenn auch noch nicht komplett. Außerdem werden Eintrittskarten für das Dettinger Hallenbad verlost.

Das Motto der Hallenbad-Abschiedsfeier lautet „Wer hat an der Uhr gedreht?“ Aber auch der übrige Text, dem dieses Zitat entnommen ist, passt ganz ideal aufs Kirchheimer Hallenbad: „Stimmt es, dass es sein muss? Ist für heute wirklich Schluss?“ Besonderen Wert legt die Oberbürgermeisterin aber auf den Schlusssatz Paulchen Panthers, der auch für ein Kirchheimer Hallenbad gelten soll: „Heute ist nicht alle Tage, ich komm‘ wieder, keine Frage!“