Über 20 Bäckereien in der Region beteiligen sich an einer Aktion gegen Gewalt an Frauen
Jede vierte Familie erlebt Gewalt

Zum heutigen Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen startet rund um die Teck eine Aktion, welche die Bevölkerung für das Thema sensibilisieren soll: In über 20 Bäckereien erhalten die Kunden ihre Brötchen in einer auffälligen Bäckertüte mit der Aufschrift „Gewalt kommt nicht in die Tüte“.

Kreis Esslingen. „Wo warst du? Mit wem hast du dich getroffen?“ Mit solchen und ähnlichen Fragen konfrontiert ein Ehemann seine Frau, die sich im ersten Augenblick geschmeichelt fühlt. Schließlich interessiert er sich für sie, er ist eifersüchtig, freut sich die Frau. Im Laufe der Zeit nimmt die Kontrolle des Mannes aber immer mehr zu. Er schaut jeden Brief durch und überprüft alle Anrufe. Sämtliche Kontakte werden hinterfragt, Treffen mit Freunden oder Arbeitskollegen zum Teil verboten. Auch das Haushaltsgeld wird gekürzt. Der Mann spielt seine Macht aus und erzeugt damit Abhängigkeit.

So beginnt häusliche Gewalt in den meisten Fällen, weiß Renate ­Dopatka vom Kirchheimer Verein „Frauen helfen Frauen“. Neben verbaler, psychischer Gewalt komme es außerdem oft zu körperlichen Angriffen. „Beim ersten Mal entschuldigt sich der Mann für seine Tat und versichert, dass es nie mehr vorkommt“, erzählt Renate Dopatka. Dabei jedoch handelt es sich meist um leere Worte. Es folgen weitere psychische und körperliche Attacken, wobei auch Alkohol eine Rolle spielt. „Er ist oft ein Auslöser, aber nicht die Ursache für häusliche Gewalt“, unterstreicht die Sozialpädagogin, die sich zusammen mit ihren Kolleginnen im Kirchheimer Frauenhaus um die betroffenen Frauen und ihre Kinder kümmert.

Die Frauen koste es meist große Überwindung, über das Geschehene zu sprechen. „Sie schämen sich dafür und versuchen eine Erklärung zu finden. Sie denken: ,Wenn ich es nicht sage, dann ist es keine Wirklichkeit. Dann kann sich alles wieder einrenken‘.“ Das jedoch sei nicht der Fall, wenn sich die Betroffenen keine Hilfe suchen, sagt Renate Dopakta. „Man darf das Geschehene nicht für sich behalten, sondern muss mit einer Person seines Vertrauens oder bei einer Beratungsstelle darüber sprechen.“ Nur so könne man eine Lösung finden, verdeutlicht die Sozialpädagogin.

Innerhalb jeder vierten Familie findet in Deutschland häusliche Gewalt statt, informiert Renate Dopatka. „Sie kommt in allen Gesellschaftsschichten vor – auch dort, wo man es nicht erwartet“, fügt sie hinzu. Das Thema müsse aus der Grauzone geholt und in die Öffentlichkeit gebracht werden, betont die Sozialpädagogin. Deshalb hatte sie die Idee, in Kirchheim und Umgebung eine besondere Initiative ins Leben zu rufen: die Bäckertüten-Aktion „Gewalt kommt nicht in die Tüte“, die vom Runden Tisch gegen häusliche Gewalt Kirchheim und Umland sowie vom Arbeitskreis Kriminalprävention Kirchheim getragen wird. Dabei werden von heute an eine Woche lang in über 20 Bäckereien rund um die Teck auffällige, mit Informationen über die Aktion bedruckte Bäckertüten ausgegeben. „Die Tüten sind ein gutes Mittel, um das Thema häusliche Gewalt in die Öffentlichkeit zu bringen – und zwar direkt auf den Tisch nach Hause zu den Menschen“, betont Renate Dopatka. Ein weiteres Ziel der Aktion, für die der Leiter des Kirchheimer Polizeireviers, Thomas Pitzinger, die Schirmherrschaft übernommen hat, ist, Betroffenen Mut zur Selbsthilfe zu machen. Außerdem sollen Bürger aufgerufen werden, auf mögliche Gewalttaten im eigenen Umfeld zu achten.

„Die Bäckereien sind sehr aufgeschlossen gegenüber der Aktion“, freut sich Renate Dopakta. Manche seien sogar dazu bereit, am morgigen Samstag in ihrem Geschäft kostenlose Brezeln zu verteilen. Darüber hinaus sind morgen an Ständen in der Kirchheimer Fußgängerzone und in der Ortsmitte von Weilheim kostenlose Brezeln erhältlich. Dort informieren Vertreter der beteiligten Kommunen sowie Mitarbeiter von Hilfs- und Beratungsstellen über das Thema häusliche Gewalt.

Finanziert und unterstützt wird die Bäckertütenaktion nicht nur von den teilnehmenden Bäckereien und Kommunen, sondern auch von GO Druck Media Kirchheim, von der Dettinger Firma Wohnbau Birkenmaier, vom Ministerium für Arbeit, Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren des Landes Baden-Württemberg sowie von der Menschenrechtsorganisation „Terre des femmes“.