Rollschuhplatz-Open-Air des Club Bastion – Singendes und tanzendes Publikum
Junge Talente und ein Boss

Der Kirchheimer Rollschuhplatz war wieder Anziehungspunkt für alle Fans der Open-Air-Festivals. Der Club Bastion hatte ein buntes Programm für die zwei Tage zusammengestellt.

Blues-Rock Band "The Brew" spielt beim Rollschuhplatz Open Air wŠhrend dem Stadtfest. Bassist Tim Smith.
Blues-Rock Band "The Brew" spielt beim Rollschuhplatz Open Air wŠhrend dem Stadtfest. Bassist Tim Smith.
Kirchheim. Da waren sie wieder, die Marshall-Türme und ein Gitarren-Sound irgendwo zwischen Hendrix und Stevie Ray. „The Brew“ nannte sich vor fünf Jahren ein Trio aus der nordenglischen Hafenstadt Grimsby. 2009 wählten es die Leser der Fanklub-Postille „It’s Only Rock n’ Roll“ zur Band des Jahres und am Samstag begeisterten die drei Briten als Headliner des Rollschuhplatz-Festivals das Kirchheimer Publikum mit ihrem erdigen Bluesrock-Sound.

Von Bartwuchs noch keine Spur legt der gerade mal 20-jährige Jason Barwick eine gitarristische Spur durch die Rockgeschichte der späten 60er- und frühen 70er-Jahre, und das auf einem Niveau, das Moderator Andreas Kenner in seiner gewohnt humorvollen Art so umschrieb: „Wenn die Briten so gut Fußball spielen könnten, wie Jason Gitarre, dann hätten sie vor einem Jahr nicht vier zu eins gegen die Deutschen verloren.“ Bei anderer Gelegenheit war Kenner sich sicher: „Der muaß mit dr Gidarr uff d’ Welt komma sei.“

Eher verhalten entwickelte sich der Anfang des Festivals, bei dem sich neben einigen Kirchheimer Gemeinderäten auch Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker blicken ließ. Man wusste nicht so recht: Wird das Wetter halten? Es hielt. Und so feierten die wenigen bis dahin auf dem Platz erschienenen Zuhörer die Jungs von „China Loves White“ umso herzlicher. Den Kirchheimer Eigengewächsen war die Anheizerrolle zugefallen, die sie mit ihren Funkrock-Klängen bestens ausfüllten.

Einen der ersten Höhepunkte erlebten die Festivalgäste dann mit der Trierer Hardpolka-Truppe „The ­Shanes“. Die sind in Kirchheim wahrlich keine Unbekannten mehr, hatten mit ihren geigen- und akkordeon-dominierten Polkarhythmen sowohl in der Bastion als auch auf dem Rollschuhplatz schon mehrfach für Furore gesorgt. Beim diesjährigen Auftritt war sogar ein Pedalsteel-Gitarrist mit von der Polkapartie.

„What time is it?“ wollte Frontman Thomas Heinen immer wieder mal vom Publikum wissen. Nicht dass der Gitarrist und Sänger nach der Uhrzeit gefragt hätte, die Pflichtantwort lautete vielmehr: „Bosstime“ und das war nicht zufällig der Name von Heinens Band, die es sich am Samstag- abend zur Aufgabe gemacht hatte, den Kirchheimern und ihren Gästen das Lebenswerk von Bruce Springsteen ins Gedächtnis zu rufen. Das gelang dem Rösrather und seinen Mitstreitern zwar trefflich, aber zwei Stunden Springsteen sind – außer für Eingefleischte – schon ein bisschen „hardcore“.

Den Höhepunkt des Abends bildete, wie schon erwähnt, der Auftritt des Trios „The Brew“ mit ihrem Gitarrenphänomen Jason Barwick, der seine Gitarre nicht nur zum Musik- und andere Geräusche machen benutzte, sondern, wie die halbe Bühne dazu, als Turngerät. Ergänzt durch die aus Vater und Sohn Smith (Tim und Kurtis) bestehende Rhythm-Section hauchte er nicht nur der alten Dame „Little Wing“ neues Leben ein, sondern zeigte mit Stücken wie „Surrender it All“ oder „Every Gig has a Neighbour“, dass er zusammen mit seinen Mitspielern auch schon beachtliches Eigenmaterial auf der Pfanne hat.

Einen gemütlichen Nachmittag mit der ganzen Familie konnte sich, wer wollte, am Sonntag auf dem Rollschuhplatz machen, bevor am frühen Abend „Jahcoustic“ zum traditionellen Reggae-Konzert lud und die Cocker-Band mit ihrem opulenten Soul- und Bluessound dem Festival das abschließende Sahne-Häubchen aufsetzte.

Ab 11 Uhr hatte die Kirchheimer Folkband „Folxton“ mit ihrer unterhaltsamen Mischung aus ­Swing, Irishfolk und Country-Songs unter strahlend blauem Himmel für Stimmung gesorgt, bevor die „Rockabteilung“ (?) der Kirchheimer Musikschule den nicht eben zahlreichen Zuhörern mit Jazz- und Pop-Klassikern einheizte und man anschließend über die Späße des Clowntheaters „Lachma(l)tschuun“ ebendiesen Rat befolgen konnte.

Nur langsam begann sich auch danach die Senke hinter den Stadtmauerresten zu füllen, wo nach längerem Soundcheck der Hamburger Dominik Haas, der sich als Musiker „Jahcoustic“ nennt, die Bühne betrat, um mit seiner Band die Botschaft einer zornigen Jugend auf das herrschende Establishment zu den scharf rhythmisierten Klängen einer Musik, die sich Roots-Reggae nennt, zu verbreiten. Vor allem aber verbreitete Jahcoustic eine entspannte Stimmung, so etwas wie Ferienlaune und jede Menge Anerkennung bis Bewunderung bei den anwesenden Musikerkollegen, die im Anschluss von „Gaz“, dem Sänger der Cocker-Band, auch gebührend zum Ausdruck gebracht wurde.

Die brachte zum Abschluss des Festivals die Stimmung noch einmal zum Sieden. Mittlerweile hatte sich auch Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker wieder auf dem Gelände eingefunden und tanzte zu den ausgesuchten Juwelen der Rock-Geschichte gemeinsam mit mehreren Hundert Fans von Tina Turner, Randy Newman und natürlich dem Namenspatron und Raubein vom Dienst, Joe Cocker. Drei Sängerinnen, eine vierköpfige Horn-Section, zwei Gitarren, Keyboard, Bass und Schlagzeug unterstützten „Gaz“ bei der Arbeit und das Publikum war gar Zeuge einer gelungenen Blitzreparatur einer Schlagzeugfußmaschine.