Im Rahmen der „Marriage Week“ nahmen zehn Paare an der Stadtführung „Fachwerkkunst und Braugenuss“ teil
Kälte schreckt Ehepaare nicht ab

Kirchheim. Das Thermometer zeigt minus zwölf Grad – und trotzdem pilgern an diesem klirrend kalten 
Dienstag zehn Paare in Richtung Rathaus der Teckstadt, um im Rahmen der Kirchheimer „Marriage Week“ an einer abendlichen Stadtführung teilzunehmen.

Dick eingepackt in Wintermäntel und mit Mützen, Schals und Handschuhen ausgerüstet, finden sich die Paare nach und nach im Rathausfoyer ein. „Hoffentlich gibt’s zwischendurch Glühwein“, hört man eine Frau sagen. Ein Mann wiederum ist mit einem anderen Problem beschäftigt: „Hätte ich doch nur eine lange Unterhose angezogen  . . .“

Stadtführer Bernd Budde und Heike Büttner, Leiterin der Kirchheim-Info, können die Gäste beruhigen: Wegen des frostigen Winterwetters wird ein wenig improvisiert. So entfällt der geplante Gang durch die Altstadtgassen, stattdessen besuchen die Teilnehmer die Bastion. Der Rathausturm aber soll wie vorgesehen erklommen werden.

Zunächst jedoch wartet der Stadtführer mit wissenswerten Fakten zur Stadtgeschichte auf: So wurde die Teckstadt 1539 zur Landesfestung ausgebaut. 1690 erlebte Kirchheim ein Fiasko, als bei einem Stadtbrand zahlreiche Häuser zerstört wurden. Auch das Rathaus fiel den Flammen zum Opfer. Das neue Rathaus wurde zwischen 1722 und 1724 im Stil des Barock gebaut. „Es ist schon ein schmuckes Häuschen“, sagt der Stadtführer anerkennend.

Und dann geht’s los: Die Paare erklimmen den Rathausturm. 110 Stufen gilt es zu bewältigen. Es geht eng zu auf der Treppe, die zu dem 22 Meter hohen Turm hinauf führt. Und es wird kälter und kälter. Auf einer Höhe von zwölf Metern legen die Teilnehmer einen Zwischenstopp ein: Dort nehmen sie die Mondphasenuhr in Augenschein. Weil an diesem Dienstag ein voller Mond die Teckregion erleuchtet, ist an der Uhr eine schwarze Kugel zu sehen. „Bei Neumond ist die Kugel golden“, erklärt der Stadtführer.

Oben angekommen, öffnet ein Teilnehmer die Tür zum Umgang des Turms. Es ist bitterkalt, doch der Blick auf die mit feinem Schnee bedeckten Dächer Kirchheims, die beleuchteten Gassen, die rauchenden Kamine und die zahlreichen Lichter in der Ferne lässt den schneidenden Wind schnell vergessen. „Herrlich, ist das schön“, schwärmt eine Frau.

Dann steht die Bastion auf dem Programm: Während sie früher einen Teil der Festung darstellte, ist sie heute eine in Künstlerkreisen weltweit bekannte kulturelle Einrichtung, gegründet von der 68er-Generation, informiert der Stadtführer. „Der Club Bastion ist ein Aushängeschild für Kirchheim.“

Bernd Budde könnte den interessiert lauschenden Paaren an diesem Abend noch viel mehr erzählen – „aber dann wird das Bier von Herrn Attinger warm“, sagt er schmunzelnd. Schließlich warten in Kirchheims Gasthausbrauerei, der Stiftsscheuer, ein Gläschen Bier, leckere Dätscher und eine gut beheizte Stube auf die Paare. Den Gang zu Brauer Michael Attinger treten die Teilnehmer also gerne an.

„Schon im vergangenen Jahr haben wir an einer Aktion während der ,Marriage Week‘ teilgenommen“, erzählt Sabine Vogl aus Ohmden, während sie mit ihrem Mann Oliver zur Stiftsscheuer schlendert. „Uns ist es wichtig, als Ehepaar etwas zusammen zu unternehmen und Zeit zu zweit zu haben.“ Außerdem sei eine Stadtführung bei Dunkelheit mal etwas anderes, fügt Oliver Vogl hinzu. Das bestätigen Christiane und Klaus Maurer aus Nabern. Die Eheleute erleben die Stadtführung zusammen mit einem befreundeten Paar. Die „Marriage Week“ sei eine „tolle Sache“, betont Christiane Maurer.

Nach einer kleinen Stärkung in der Gasthausbrauerei nimmt Michael Attinger seine Gäste mit auf eine kurze Reise in die Welt des Bierbrauens. Er erzählt den Zuhörern vom Maischen und Läutern und davon, dass beim Bierbrauen Wasser, Malz, Hopfen und Hefe miteinander vermischt werden. Das Jungbier reife zwischen sechs und acht Wochen in einem Kühlraum. „Dann kommt es in den Ausschank“, fügte der Experte hinzu, der mit einem Azubi ein bis zwei Mal in der Woche Bier braut. Haltbarkeitsprobleme hatte Michael Attinger mit seinem Gerstensaft übrigens noch nie. „Im Gegenteil – ich muss immer schauen, dass ich mit dem Brauen nachkomme.“ Zu seiner Leidenschaft kam er aber erst über einige Umwege: Nach einem Maschinenbaustudium war er als Geschäftsführer einer IT-Firma tätig. Dann hat ihn das Virus Bierbrauen erwischt, und er eröffnete die urige Stiftsscheuer.

Mit viel Wissen im Gepäck, angenehm gefülltem Magen und wohlig gewärmt treten die Paare schließlich den Nachhauseweg an. Sich und ihrer Ehe jedenfalls haben sie an diesem Abend nur Gutes getan . . .