Mario Meißnest, Jürgen Kitzing und Dr. Thomas Kik aus Kirchheim nahmen an der Allgäu-Orient-Rallye teil
Kamelkäse bleibt für viele Fahrer ein Traum

Kirchheim. Schotterpisten mit knietiefen Schlaglöchern, Eselkarren auf der Spur und jede Menge Unwägbarkeiten – ein Abenteuer sollte sie werden, die Allgäu-Orient-Rallye mit Ziel in der jordanischen Wüste Wadi Rum. Und sie wurde ein Abenteuer

für die

Kirchheimer Teilnehmer, Mario Meißnest, Dr. Thomas Kik und Jürgen Kitzing (siehe kleines Foto) – auch wenn am Ende vieles ganz anders lief als geplant. Aber vielleicht macht ja gerade dies den Reiz der Rallye aus, deren Veranstalter für sich in Anspruch nehmen, „das letzte automobile Abenteuer der Welt“ zu organisieren. „Das ist einfach nichts für Pauschaltouristen“, meint Mario Meißnest, der auf der Fähre, die die ägyptische Hafenstadt Port Said ansteuern sollte, seekrank wurde und mit seinem Teamgefährten Jürgen Kitzing einer der wenigen war, der nach dem offiziellen Ende der Rallye in der jordanischen Wüste ankam.

5 500 Kilometer galt es bei der Allgäu-Orient-Rallye in 14 Tagen zurückzulegen. Dabei mussten sich die Fahrer auf Autos verlassen, die entweder 20 Jahre alt waren oder maximal 1 111 Euro kosten durften. Pannen waren da fast programmiert. Holprige Pisten gaben vielen „alten Hobeln“ den Rest. Geplatzte Kühler, defekte Wasserpumpen und Motoren mussten ersetzt werden. Die Servolenkung im Jeep des „Team 17“ von Mario Meißnest und Jürgen Kitzing verabschiedete sich glücklicherweise erst auf den letzten Kilometern. „Da ist das Öl nur so rausgespritzt“, erzählt Mario Meißnest, der im Übrigen den „klasse Teamgeist“ unter den Teilnehmern hervorhebt. Die für alle Fälle eingepackte Ersatzbatterie wurde mithilfe eines anderen Fahrers kurzerhand in einen liegengebliebenen „Micra“ eingebaut. „Da wurde so lange geklopft und gebogen, bis die viel zu große Batterie in den kleinen Motorraum reinpasste.“

Während auf den 120 Euro „teuren“ Audi 80 Verlass war, mit dem Thomas Kik im „Team 89“ die Rallye antrat, bekamen die beiden anderen Kirchheimer in ihrem Cherokee schon in Ungarn nasse Füße. „Es hat so geschüttet, dass das Wasser durch die Lüftungsschlitze drückte“, sagt Jürgen Kitzing lachend.

Bei strahlend blauem Himmel waren die 666 Teilnehmer in Oberstaufen mit 333 Fahrzeugen an den Start gegangen. Darunter so kuriose „Boliden“ wie ein alter Linienbus, ein ehemaliges österreichisches Feuerwehrfahrzeug sowie ein ausgemusterter Rettungswagen mit 400 000 Kilometern auf dem Buckel, der unterwegs hin und wieder mit Blaulicht und Sirene für Verunsicherung sorgte.

Den Knopf des Walkie-Talkie im Ohr, das Roadbook im Blick, galt es täglich, maximal 666 Kilometer abseits von Autobahnen möglichst effizient zurückzulegen und verschiedene Aufgaben zu lösen, bei denen auch der Spaß nicht zu kurz kam. In Österreich beispielsweise mussten sich die sechsköpfigen Teams samt mehr oder weniger großer „Glückssteine“ für ein Foto in eine Telefonzelle ­quetschen. Nicht weniger mühsam war es, in Mardin, Haupstadt der gleichnamigen türkischen Provinz, einen Imbiss zu suchen, in dem Göz­leme (gefüllte Fladenbrote) angeboten wurden. „Nach einer Stunde und zehnmaligem Nachfragen mit Händen und Füßen hatten wir tatsächlich so eine Bude gefunden. Entweder ist es die Einzige oder wir sind blind“, heißt es dazu in dem im Internet ­veröffentlichten Reisebericht des „Team 17“.

„Wir sind auf so viel Gastfreundschaft gestoßen, das ist unglaublich“, sagen die drei Kirchheimer unisono – eine Erfahrung, die sie von der ungewöhnlichen Reise in jedem Fall mitnehmen. „Türöffner“ im Team von Thomas Kik war ein ehemaliger Kripobeamter aus Ulm, der mit ein paar Brocken türkisch auch dann noch ein Bier serviert bekam, als es offiziell schon längst ausverkauft war.

18 Länder hat das „Team 17“ auf der Fahrt in den Orient durchquert oder zumindest gestreift, dazu gehörte auch ein Abstecher nach Griechenland für ein leckeres Essen und einen weiteren Stempel im Reisepass. Mal nächtigten die Fahrer im Wald, wie in Slowenien, wo sie am Morgen von Brunftschreien des Rotwilds geweckt wurden, mal diente das Auto als Schlafstätte und – sofern es der Preis zuließ – hin und wieder quartierten sich die Kirchheimer in Hotels ein. Kein leichtes Unterfangen, durfte eine Übernachtung laut Vorgabe des Veranstalters im Schnitt doch nicht mehr als 11,11 Euro kosten.

Ein großes Hallo gab es beim ers­ten Treffen aller Fahrer in Istanbul, das die Teilnehmer in Dreierkolonnen auf einer frei wählbaren Route ansteuerten: „Vor der Blauen Moschee war die Straße für uns gesperrt“, erzählt Thomas Kik nicht ohne Stolz. „Wer kann von seinem Urlaub schon erzählen, dass er vor der Blauen Moschee gecampt hat inmitten einer Horde Verrückter, die mit uralten Klapperkisten nach Jordanien fahren.“ Unter der Überschrift „verrückt“ lässt sich wohl auch die Idee finnischer Teilnehmer verbuchen, im Hippodrom, einer ehemaligen Pferderennbahn in Ankara, ein Saunazelt aufzubauen. „Die hatten extra einen Kubikmeter Holz dabei“, so Kik schmunzelnd.

Vorwiegend waren die Fahrzeuge jedoch bis unters Dach mit Stoffballen, Garnrollen und Nähmaschinen beladen. Denn auch die sechste Auflage der Rallye verfolgte den Zweck, „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu leisten. Geplant war, neben dem Verkauf der Autos in Jordanien für ein Hilfsprojekt der Regierung, einer Nähschule für behinderte und bedürftige Mädchen im syrischen Salamya, mit der Hilfslieferung unter die Arme zu greifen. Doch machten die politischen Unruhen in Syrien dem Tross einen Strich durch die Rechnung. Lediglich ein Team mit einem Syrer an Bord wagte es, das Land per Auto zu durchqueren. Die Nähutensilien kommen nun einem Krankenhaus in Bulgarien zugute. „Wir haben Kleidung und Schuhe auch an Kinder in Rumänien verschenkt“, erzählt Thomas Kik. „Die haben sich riesig gefreut.“

Plan B, die Einreise über Israel auf Fähren, musste verworfen werden, weil nicht alle Teilnehmer deutsche Pässe hatten. Die mehrere Tage andauernde Ungewissheit über den genauen Fortgang der Rallye zerrte offenkundig an den Nerven einiger Teilnehmer. „Manche Szenen, die sich da abgespielt haben, waren nicht schön“, sagt Mario Meißnest, der sich voll hinter den Veranstalter stellt und die kurzfristigen Änderungen eher als „Salz in der Suppe“ empfand.

„Wir saßen fast jeden Tag 15 bis 16 Stunden hinterm Steuer. Da war nicht viel Sightseeing drin“, erklärt Thomas Kik. Umso mehr nutzte seine Crew die Wartezeit bis zum Start der Fähren gen Ägypten zu Besichtigungen, unter anderem der markanten Tuffsteinformationen von Göreme – „nach Istanbul mit das Beste, was ich bei der Rallye gesehen habe“, schwärmt der Kirchheimer.

Abgesehen von einem beeindruckenden Zwischenstopp auf Zypern entpuppte sich die Fahrt auf der „(Apo)Calypso“ und den beiden anderen Schiffen als wahre Odyssee, wurde doch für Ägypten keine Einfuhrgenehmigung erteilt, weshalb es schließlich zurückging zum Ausgangspunkt. „Statt wie angekündigt einen Tag waren wir 80 Stunden auf der Fähre, die eher ein abgetakelter Viehkutter war“, so Kik. Die Passagiere nächtigten auf den Sitzen, auf dem Boden, den Dächern der Autos im Unterdeck oder gar in den Rettungsbooten. Wasser, Essen und Trinken wurden rationiert und von ehemals neun Toiletten konnten nur noch zwei genutzt werden.

Während für den Ötlinger Zahnarzt die Zeit inzwischen drängte und er wie viele andere schließlich mit dem nächstbesten Flugzeug von Antalya die Heimreise antrat, hängten Mario Meißnest und Jürgen Kitzing noch eine Woche Urlaub in Jordanien dran, genossen die Gastfreundschaft, erkundeten mit einem Mietwagen die Felsenstadt Petra und erlebten die sengende Hitze auf 420 Metern unter dem Meeresspiegel.

„Ich hätte gerne Kamelkäse mit nach Hause gebracht“, bedauert Thomas Kik – vielleicht bei einer erneuten Teilnahme beim „letzten automobilen Abenteuer der Welt“.