Kirchheim. Zum Auftakt der Kirchheimer Meisterkurse, die im lokalen Musikleben bereits seit mehreren Jahren eine feste Größe sind, lud die Musikschule Kirchheim zum Eröffnungskonzert in die Kirchheimer Waldorfschule anstatt ins Schloss – was unter
Ernst Kemmner
akustischen Gesichtspunkten sicherlich ein Glücksgriff war. Dafür hatten die kammermusikalisch vielseitig erprobten Dozenten der Meisterkurse, Professor Anke Dill (Violine), Professor Rudolf Gleissner (Violoncello) und Professor Florian Wiek (Klavier) erlesene Perlen der romantischen und spätromantischen kammermusikalischen Literatur ausgesucht.
Am Konzertbeginn stand Frédéric Chopins Spätwerk, die viersätzige Sonate für Violoncello und Klavier g‑Moll, Op. 65. Während der Abfassung dieses gewaltigen Werks mit dem rund 15-minütigen Kopfsatz Allegro Moderato, hatten den Komponisten immer wieder Selbstzweifel befallen, die ihn bewogen, den Entwurf wegzulegen und dann wieder aufzugreifen. Als das Werk schließlich im Februar 1848 mit dem Komponisten selbst und dem Widmungsträger Auguste Franchomme am Cello uraufgeführt wurde, ließ man den „problematischen“ Eingangssatz weg.
Gleissner und Wiek boten den mächtigen ersten Satz mit seinem in beiden Instrumenten vielfältig variierten Hauptthema bis hin zu den kadenzierenden Solopassagen in breit angelegtem dynamischem Fächer ausdrucksstark, teils energisch zupackend, teils romantisch verspielt dar.
Auch das im Hauptteil quirlig vitale Scherzo wurde voll musikantischer Energie präsentiert, im kantablen Trio wurde das eingängige Melos tongestalterisch souverän und mit fein retardierten Übergängen hervorgehoben. Im langsamen Satz (Largo), in der Art eines romantischen Notturno komponiert, bestach wiederum die berückende Klangentwicklung, insbesondere der sonore Celloton von Rudolf Gleissner, mit einer herrlich klingenden tiefen C-Saite. Im begeisternd musizierten Finale-Allegro mit der besonders gelungenen Balance zwischen den beiden Instrumenten gefielen der fulminante Schwung des Satzbeginns, das trefflich gemeisterte aberwitzige Laufwerk in Cello und Klavier, mit heiklen Doppelgriffpassagen beziehungsweise furios absteigender Akkordchromatik: Das passend zum Zeitpunkt im Jahr gezündete Feuerwerk wurde von der Zuhörerschaft ein erstes Mal mit begeistertem Beifall angenommen.
Mit der 1886 komponierten ausladenden Sonate für Violine und Klavier A-Dur (FWV 8) des Franko-Belgiers César Franck (1822-90) ging das Konzert in die zweite Runde. César Franck widmete dieses Werk, das im November vergangenen Jahres in Kirchheim bereits in seiner Fassung für Cello und Klavier zu hören gewesen war, dem belgischen Geiger und Komponisten Eugène Ysaye, an dessen Hochzeit es auch zum ersten Mal erklang.
Im ersten Satz Allegretto ben moderato, der aus seiner prallen Melodik lebt, erklingen im Stile einer Barcarole sanfte Wiegerhythmen, die durch den samtweichen Geigenton von Anke Dill besonders betont wurden. Nicht nur in den solistischen Teilen des Satzes gefiel das Spiel der beiden Akteure durch die große Reinheit, auch an intonatorisch höchst exponierten Stellen. Im Allegro, dessen Klavierpart in der Satzeröffnung als eine der anspruchsvollsten Herausforderungen der gesamten Literatur gilt, konnte Tobias Wiek in hohem Maße beeindrucken. Der Satz bringt insgesamt schnellste Tempi und birgt für beide Instrumente höchsten spieltechnischen Anspruch, dem sich Dill und Wiek durchgehend gewachsen zeigten. Einen ganz anderen Charakter weist der in Teilen kontemplativ entrückte dritte Satz, Recitativo-Fantasia, auf. Er kommt als fantasievolle Selbstreflexion daher und wird durch ein, von Dill ausdrucksvoll gestaltetes, Rezitativ eingeleitet, das bald in eine leidenschaftliche Aufwallung mündet. Zu vernehmen waren außerdem ein sehnsuchtsvoll rhapsodisches Geigenintermezzo, weit gespannte Melodiebögen und ein spannungsvoll musizierter Schluss, bei dem das Auditorium gebannt den Atem anhielt. Im abschließenden Allegretto poco mosso dann ein kanonartiges Thema mit feinen Echowirkungen durch beide Instrumente, mit vielen melodischen Verästelungen und abschließender formidabler Stretta, die die Zuhörer zu einem Begeisterungssturm mit rhythmischem Klatschen hinriss.
Nach der Pause kam mit dem Trio für Klavier, Violine und Violoncello, c-Moll (Op. 101), von Brahms im „Kammermusik-Sommer“ in Thun im Jahre 1886 komponiert, ein weiterer Höhepunkt. Dieses höchst vielseitige, zwischen c-Moll und C-Dur changierende Werk gilt als kammermusikalisches Kleinod, in dem vor allem der „Marathonmann“ dieses Abends, Thomas Wiek, aufgrund des ungemein anspruchsvollen Klavierparts hervortreten konnte. Dies zeigte sich bereits im Kopfsatz Allegro energico, der zwischen den Akteuren souverän abgestimmt und mit energischen Zugriff erklang. Im folgenden Satz Presto non assai tritt das Klavier, neben sordiniert zurückhaltenden Streichern, ebenfalls klanglich in den Vordergrund. Besonders gefielen hier auch die exakt eingeworfenen, apart wirkenden schnellen Pizzicati der beiden Streicher und die feinsinnig musizierte, fast flüsternd verklingende Coda. Mit dem Andante grazioso, dem „Ruhepol“ dieses Trios, erklang vielleicht das Glanzlicht dieses Konzertabends, so volksliedhaft schlicht und dabei mit eleganter Grazie wurde die Melodie des Hauptthemas von den drei Protagonisten zelebriert. Daneben war ein permanentes Frage-und-Antwort-spiel zwischen Klavier und unbegleiteten Streichern zu hören, bevor zwei wuchtige Akkordschläge das Ganze beendeten: einfach großartig!
Mit dem originellen, rhythmisch-harmonisch abwechslungsreichen Finale-Allegro molto, seinem teils aggressiv-grimmig daherkommenden Hauptthema und einem musikantisch bravourösen Abschluss, folgte schließlich der „Kehraus“ des Konzertabends, der durchaus mehr Zuhörer verdient gehabt hätte. Gewaltiger Beifall, der noch mit dem Andante con moto tranquillo aus Felix Mendelssohn Bartholdys Klaviertrio Nr. 1 d-Moll belohnt wurde.
