Kreis Esslingen. Eigentlich sollten vor Bekanntgabe des Klinik-Gutachtens, das der Landkreis und die Stadt Esslingen beim Beratungsunternehmen Ernst & Young in Auftrag gegeben haben, keine Strukturentscheidungen getroffen werden. Das dramatisch gestiegene Defizit von 11,2 Millionen Euro, das die Kreiskliniken im laufenden Jahr erwirtschaften, hat den Aufsichtsrat am Donnerstag zu einem Kurswechsel gezwungen. In einem Schreiben an die Mitglieder des Kreistags und die Mitarbeiter der Kreiskliniken heißt es, das Beratungsunternehmen habe mitgeteilt, dass „keine Möglichkeit gesehen wird, die somatischen Disziplinen weiterhin am Standort Plochingen sowohl in medizinischer als auch ökonomischer Sicht zu betreiben“. Deshalb wird der Aufsichtsrat dem Kreistag vorschlagen, die Innere Medizin in Plochingen zu schließen und nach Kirchheim zu verlagern. Dadurch ließen sich ab 2013 jährliche Gesamtverbesserungen in Höhe von rund einer Million Euro erzielen. In Plochingen bliebe damit nur die Psychiatrie.
Von den Kreiskliniken erwirtschaftet momentan nur das neue Nürtinger Krankenhaus ein Plus in Höhe von 2,8 Millionen Euro. Kirchheim ist mit 0,7 Millionen Euro im Minus. Es folgen Plochingen mit 1,4 Millionen und Ruit mit 3,1 Millionen Euro. Der größte Teil des Gesamtdefizits entfällt auf Abschreibungen bei Gebäuden, Medizintechnik und Geräten. „Das bedeutet nichts anderes, als dass der bisher eigenfinanzierte Erweiterungsbau am Paracelsus-Krankenhaus Ruit und die Geräteausstattung an allen Standorten nicht mehr von den Kliniken erwirtschaftet werden können“, heißt es in dem Schreiben.
Der Aufsichtsrat hat außerdem entschieden, sich zum 30. November „im Einvernehmen“ von Kliniken-Geschäftsführer Franz Winkler zu trennen. Er erhält einen Aufhebungsvertrag. Winkler war seit April krankgeschrieben. Bis zur Bestellung eines neuen Geschäftsführers führt Elvira Benz das Unternehmen weiter.
Das Gutachten, das dem Landkreis und der Stadt Esslingen den Weg in eine zukunftsfähige Kliniklandschaft weisen soll, wird vermutlich erst zu Beginn des neuen Jahres vorliegen. Aktuell fehlen noch die Kosten für Investitionen und Instandhaltung. „Die Gespräche in der gemeinsamen Arbeitsgruppe laufen mit großer Sachlichkeit und in dem Willen, einen gemeinsamen Weg zu finden“, so Landrat Heinz Eininger. Unabhängig von dem Gutachten setzt die Klinikgeschäftsführung ein Maßnahmenpaket um, das Kosten in Höhe von 2,46 Millionen Euro einsparen soll. Unter anderem geht es um Zusammenlegungen von Pflegestationen am Krankenhaus Ruit. Dort war vor Kurzem die Privatklinik am Eichenbrunnen geschlossen worden.
Die Zukunft der Plochinger Psychiatrie ist bisher offen. Ob sie wie ursprünglich vorgesehen dem Kirchheimer Krankenhaus zugeschlagen wird, soll das Gutachten ergeben. Über die Verlegung der Inneren Medizin von Plochingen nach Kirchheim entscheidet im Dezember der Kreistag.
Die Aufsichtsräte aus Kirchheim und Umgebung bewerten die Konsequenzen, die sich aus der jüngsten Aufsichtsratsempfehlung für das Kirchheimer Krankenhaus ergeben, als positiv. „Für Kirchheim bedeutet es, dass die medizinische Qualität des Krankenhauses verbessert und der Standort gestärkt und stabilisiert wird“, sagt Marianne Erdrich-Sommer (Grüne). Die Empfehlung, die Innere Medizin nach Kirchheim zu verlegen, hält sie für „vernünftig“. Aufgrund des hohen Defizits und vor dem Hintergrund der guten medizinischen Versorgung der Patienten habe dringender Handlungsbedarf bestanden. „Die Empfehlung stört auch nicht das Ergebnis der Untersuchung von Ernst & Young, sondern führt die Kreiskliniken in eine Situation, in der sie die Patientenversorgung und die finanzielle Situation besser bewältigen können“, so Erdrich-Sommer.
Auch für Rainer Bauer (CDU) führt an der Empfehlung kein Weg vorbei. „Jedem, der rechnen kann, ist klar, dass so ein kleines Krankenhaus in dieser Form nicht überlebensfähig ist“, sagt er. Dass die Somatik nach Kirchheim komme, sei eine Stärkung für das Haus. Alles andere werde das Gutachten bringen.
Günter Riemer (Freie Wähler) sieht in der Empfehlung eine Chance für das Kirchheimer Krankenhaus, das Minus von 700 000 Euro zu kompensieren und eine schwarze Null zu erreichen. „Die Konzentration der fachlichen Kompetenz in Kirchheim wird zu einer besseren Ertragslage führen“, sagt er. Die Empfehlung sei geeignet, die gesamte wirtschaftliche Situation zu verbessern. Riemer, der Kreisrat und Kirchheimer Bürgermeister ist, betont jedoch, dass er als Aufsichtsrat dem Unternehmenswohl und nicht seiner lokalen Herkunft verpflichtet ist.
„Wenn in dem Gutachten eindeutig zum Ausdruck kommt, dass unabhängig von einer Kooperation mit Esslingen an der Verlagerung der Inneren Medizin kein Weg vorbeigeht, kann man das auch vorab beschließen“, sagt Gerhard Schneider (CDU) in Anspielung auf die ursprüngliche Absicht, Strukturentscheidungen erst nach Bekanntgabe des Gutachtens zu treffen. Schließlich müsse man möglichst schnell von den 11,2 Millionen Euro Defizit herunterkommen. Kirchheim sieht Schneider durch die Aufsichtsratsempfehlung gestärkt.
Marianne Gmelin (SPD) begrüßt die Verlagerung der Rheumatologie nach Kirchheim. „Zum jetzigen Zeitpunkt glaube ich, dass der Standort Kirchheim gestärkt wird“, sagt sie. Weiteres müsse das Gutachten ergeben.
