Scheidender IHK-Präsident übt bei Neujahrsempfang in Esslingen Kritik an Verkehrsminister
Kiesel fordert Geld für Albaufstieg

Ob Wachstum, Stuttgart 21 oder Ausbildung – beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Esslingen-Nürtingen fand der scheidende IHK-Präsident Wolfgang Kiesel klare Worte zu Themen der regionalen Wirtschaft.

Esslingen. Es war seine letzte Rede als Präsident der Industrie- und Handelskammer Esslingen-Nürtingen und die wollte er etwas persönlicher halten als die Ansprachen in den zwölf Jahren seiner Amtszeit zuvor. Das ist Wolfgang Kiesel gelungen, mit seiner gewohnten Art, die großen und die nicht ganz so großen Sorgen der regionalen Wirtschaft klar und schnörkellos anzusprechen.

Der scheidende Präsident hält bei aller Neigung, Probleme offen anzusprechen, nichts von Schwarzmalerei. Deshalb zeigte er sich am Montagabend während des IHK-Neujahrsempfangs im gut besuchten Neckar Forum in Esslingen vor Vertretern aus Wirtschaft, Politik und anderen Bereichen des öffentlichen Lebens zuversichtlich, was die Entwicklung in den kommenden Monaten anbelangt: „Die Wirtschaft läuft noch immer gut, der Export scheint ungebrochen und die hohe Innovationskraft unserer Unternehmen sichert uns weiterhin einen Platz an der Spitze der Weltmärkte.“ Wenn es Gründe gibt, die Zukunft mit gemischten Gefühlen zu erwarten, dann hängt das für Kiesel vor allem mit einem Mangel an geeigneten Arbeitskräften zusammen. Immer mehr Unternehmen, vornehmlich im Handwerk und in der Baubranche, hätten Schwierigkeiten, vorhandene oder neu geschaffene Arbeitsplätze überhaupt zu besetzen.

Eine Bremse für Wachstum? Kiesel stellt sich eher eine andere Frage. Nämlich die, ob Wachstum immer das allein selig machende ist. Gleichwohl ist auch dem 66-Jährigen noch keine Wirtschaftsordnung bekannt geworden, die ohne Wachstum auskommt. Mit der Stadt Esslingen und ihrem Oberbürgermeister Jürgen Zieger sieht sich Kiesel bei diesem Thema in einem Boot. Der OB wolle die Bevölkerungszahl halten oder möglichst sogar noch steigern, weil Infrastruktur das gleiche Geld koste, egal ob die Stadt ein paar tausend Einwohner mehr oder weniger habe. Der Flächenbedarf pro Einwohner steige mit den Ansprüchen Jahr für Jahr, deshalb brauche die Stadt mehr bebaute Fläche. Der IHK-Präsident: „Und spätestens an diesem Punkt zeigt sich dann, dass die Menschen dieses Wachstum eigentlich gar nicht wollen, sondern eben ihre Streuobstwiesen. Auch das ist Ausdruck unserer Gesellschaft. Wir wollen Arbeitsplätze, wir wollen ein angenehmes Leben, aber wir wollen, dass alles um uns herum so bleibt, wie es ist.“

Wenn es um die verkehrliche Infrastruktur, also um Straßen, den Nah- und Fernverkehr auf der Schiene oder um den Flughafen mit Anbindung an den internationalen Bahnverkehr geht, dann will Wolfgang Kiesel nicht, dass alles so bleibt, wie es ist. Von der gängigen Praxis, die Kosten für Großprojekte zunächst einmal klein zu rechnen, um dann später die unangenehme Wahrheit Stück für Stück preiszugeben, hält der IHK-Präsident nichts. Er hält aber ebenso wenig davon, am Bahnprojekt Stuttgart 21 Abstriche zu machen. „Ich sehe es als eine der wesentlichen Aufgaben der IHK, in der Verkehrspolitik auch von der jetzigen grün-roten Landesregierung mehr Aktivitäten zu fordern. Aber mit der stetigen Wiederholung ,wir haben kein Geld‘ des Herrn Verkehrsministers können wir uns nicht zufrieden geben“, unterstrich Kiesel unter dem Beifall des Publikums. Der weitere Ausbau der Autobahnen, vor allem des Albaufstiegs und der Strecke nach Ulm sowie eine großräumige Umfahrung von Stuttgart stehen für den IHK-Chef ganz oben auf der Forderungsliste.

Auch zum Thema Ausbildung fand Kiesel klare Worten. Er bricht eine Lanze für das duale System und wendet sich gegen immer neue Strukturreformen, mit denen man „die Schulen an den Rand der Organisierbarkeit bringt“. Die IHK selbst engagiere sich seit vielen Jahren für die Zukunft Jugendlicher und habe mittlerweile 150 Bildungspatenschaften zwischen Schulen und Unternehmen vermittelt. So werde der Übergang von der Schule in den Beruf professionell begleitet.