Owen. Am dritten Adventssonntag, der traditionell der Musik gewidmet ist, gab es in Owen ein außergewöhnliches musikalisches Glanzlicht. Der „Chili-Chor-Carne“ unter
der Leitung von Tobias Schmid präsentierte eine ausgefeilte, exquisite Reise um die Welt, die an Perfektion ihresgleichen sucht. Das Lied zur Begrüßung, das „Carols of the bells“, ein ukrainisches Weihnachtslied, wurde als menschliches, silbernes Glockengeläut dargeboten und stimmte wunderbar auf das gesamte Programm ein. Auch wenn die 25 Sängerinnen und Sänger hier noch nicht ganz zu ihrem musikalischen Selbstbewusstsein gekommen waren, bot es dennoch einen vielversprechenden Anfang.
Es folgte die Begrüßung durch Pfarrer Ekkehart Graf und durch den Dirigenten Tobias Schmid, der die Zuhörer auf eine Reise um die Welt im 20. und 21. Jahrhundert einlud. Ganz bewusst keine Weihnachtslieder, sondern Musik, die zur Ruhe bringen sollte, war das erklärte Ziel, das auf vielfältige und wunderbare Weise erreicht wurde. Eine voll besetzte Owener Kirche und eine gespannte Vorfreude auf musikalische Köstlichkeiten ebneten den Weg für das nächste Stück, einen russischen Psalm, „Spaseniye sodelal“, der wunderbar durch souveräne und mutige Männerstimmen eingeleitet wurde. Das einmal gelegte Fundament nutzten die Frauenstimmen, um transparente Klänge darüberzulegen und die Kirche zum Klingen zu bringen.
Hier wie auch im folgenden Stück, dem Gospel „I’m gonna sing till the spirit moves in my heart“, stand die große Textsicherheit des Chores und der sichere Umgang mit Dynamik im Vordergrund. Auch schwierige, chromatische Läufe und rhythmisch sehr anspruchsvolle Passagen wurden meisterhaft bewältigt. Mit dem „Ubi Caritas“, das von einem walisischen Komponisten stammt, kam ein weiterer Ruhegenuss zu Gehör, der sensibel gesungen und im Chor der Kirche dargeboten wurde.
Das folgende Stück übernahm die Orgel, gespielt von Christine Keuerleber. Ihr erstes Stück des Abends, das dem Chor gleichermaßen etwas Ruhe zum Durchatmen und den Zuhörern wunderbare Klänge bescherte, war das bekannte Gospel „Go, tell it from the mountains“, diesmal jedoch leicht verjazzt und deshalb verjüngt. Manchmal ungewohnte und dennoch vertraute Klänge erfüllten das Kirchenschiff bei diesem Lied.
Das für den Abend namensgebende Lied „Lux aurumque“ (Licht und Gold) wurde richtiggehend zelebriert: mit einfühlsamen Worten des Dirigenten, der das Stück den Zuhörern vorab schon näherbrachte. Der Chor, rund um den Taufstein aufgestellt, sang ein in Latein verfasstes Stück, das die Geschichte um die Geburt Jesu farbenprächtig illustrierte. Dabei wurde der Bogen von flirrend hohen Akkorden über zarte Engelsgesänge bis hin zu kraftvoll-warmen Durakkorden perfekt aufgebaut und bis zum letzten Ton der Geschichte durchgeführt.
Im weiteren Verlauf folgten zwei Stücke der Gruppe „U 2“, das anklagend und trotzdem Mut machende Stück „MLK“ (Martin Luther King), außerdem „Pride“ (In The Name Of Love), bei dem sich das Publikum mit einem bekannten Refrain beteiligen durfte.
Die Orgelklänge des zweiten Stücks der Organistin stellten ein weiteres Glanzlicht des Abends dar. Die Zuhörer konnten förmlich nachvollziehen, was es heißt, alle Register zu ziehen, denn dies erforderte das Stück von Jaques-Nicolas Lemmens. Der Name „Finale“ ließ auf endgültiges, entschlossenes Handeln schließen, und genau das wurde mit jeder einzelnen Tonfolge der unglaublichen Klangfarbenvielfalt deutlich. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, dass hier mehr als zehn Finger im Spiel waren, so zupackend und ausdrucksstark wurden die einzelnen Teile des Stückes in hoher Perfektion und großer Musikalität durch Christine Keuerleber dargestellt.
Das anschließende „Ave Maria“ von Franz Biebl erschien in mönchsartigem Charakter. Eine eindrucksvolle dynamische Vielfalt war ein weiterer Trumpf dieses Stückes. In „Shenandoa“, einem amerikanischen Folksong, konnte man sich leicht in die weite, voller Sehnsucht vorgetragene Liebeserklärung an die atemberaubende Landschaft am Missouri hineinversetzen. Dabei sangen sich Frauen- und Männerstimmen eindrucksvoll zu einem großen harmonischen Gesamtklang. „Neither Angels, Nor Demons, Nor Powers“, ein Stück zu Psalm 121, erschien als glasklares Glaubensbekenntnis mit einem sehr offenen Schlussakkord, der auf vielerlei Kommendes hinweist.
Absolutes Highlight und ein großer, musikalischer Leckerbissen war für viele das nächste Stück: „Baba Yetu“. Das auf Suaheli gesungene Vaterunser ließ durch einen unglaublichen Sound, der nicht nur perfekt gesungen, sondern auch ebenso gemischt gewesen sein musste, außerdem unterstützt durch ausgewählte Instrumente, eine schier endlose, afrikanische Weite entstehen. Faszinierend war besonders der große Spannungsbogen, den die Musiker hörbar aufbauen konnten. Absolut mitreißende Weltmusik, die das Owener Kirchenschiff zum Wanken brachte.
Sicher trug auch das Schlussstück zum Erfolg des ganzen Abends bei: „A Clare Benediktion“, ein Segen, von John Rutter komponiert, der durch seine klare und sehr ausdrucksvolle Sprache einen wunderbar harmonischen Nachklang und ausgiebigen Schlusston des gesamten Abends bildete.
Vom ersten bis zum letzten Ton war dieser Abend etwas ganz Besonderes, das war allen Beteiligten anzumerken. Minutenlange Ovationen, die in einer herrlichen Zugabe mündeten, zollten Chor und Dirigent großen Respekt. Das Programm war sehr sensibel zusammengestellt und für den Chor maßgeschneidert. Dabei war es eine besonders herausragende Leistung, dass nahezu alle Stücke auswendig und frei vorgetragen wurden. Eine kleine Traurigkeit blieb am Ende stehen: Tobias Schmid wird seine Dirigententätigkeit nach vielen Jahren aus persönlichen Gründen niederlegen. Bleibt als Ausblick für die Zukunft nur zu wünschen, dass der „Chili-Chor-Carne“ recht schnell wieder einen ähnlich guten Musiker findet, der diese begabten Sängerinnen und Sänger zu einem weiteren Konzert dieser Art führen kann.
