Die Ärzte und Krankenhausverantwortlichen sind zu Recht stolz auf den neuen Vertrag. Er soll den Kreis Esslingen konkurrenzfähiger machen im Ringen um junge Ärzte, die vom Ausland oder den neuen Bundesländern umworben werden. Die Ärzte im Kreis sind aber auch bodenlos enttäuscht. Sie wissen nämlich, dass sie mit diesem Vertrag an Symptomen herumdoktern, anstatt die Ursache zu bekämpfen, wie man es sich in der Medizin eigentlich wünscht.
Die Vertragsunterzeichner sind durchweg erfahrene Männer, die alle schon gehörig Berufserfahrung auf dem Buckel haben. An ihren Klagen muss also was dran sein: Demnach haben sich die Rahmenbedingungen in ihrem Beruf kontinuierlich verschlechtert. Damit ist nicht nur das Thema Entlohnung gemeint, sondern auch die Arbeitsbelastung und vor allem die zunehmende Bürokratisierung der Arbeit, die die Mediziner ganze Tage an den Schreibtisch fesselt und zu etlichen formalen Fortbildungen zwingt.
„Wir müssen quasi den ‚Facharzt für Bürokratie‘ machen“, meinte gestern einer aus der Runde. „Die Attraktivität des Arztberufs ist dahin“, brachte es ein anderer auf den Punkt. Die Zahlen von Berufsanfängern geben ihm recht.
Als Außenstehender mag man geteilter Meinung sein. Schließlich prägt immer noch das Bild vom sportwagenfahrenden Lebemann die Vorstellung vom Arzt. Dem gönnt manch einer Einbußen von Herzen. Das Problem ist allerdings: Wenn den Ärzten allgemein die Luft abgedreht wird, leiden die Patienten. So weit sind wir längst. Manch einer, der als Notfall eine Klinik aufsucht, hat Probleme, sich mit radebrechenden Jungmedizinern aus Osteuropa zu verständigen. Und wehe, der eigene Hausarzt geht in den Ruhestand. Nach x Telefonaten nimmt man zermürbt gern mit dem nächstbesten „Facharzt für Bürokratie“ vorlieb.
Mag sein, dass weniger Ärzte unterm Strich zu weniger Ausgaben im Gesundheitswesen führen. Doch dieses Ziel sollte die Politik auch ehrlich aussprechen. IRENE STRIFLER
