Lokales
Kommentar: Nicht vor
 meiner Nase

Es gibt gute Argumente gegen Biogasanlagen. Beispielsweise kann man fragen, ob es in Ordnung ist, Böden für den Anbau von Energiepflanzen zu verwenden, wo doch die Ackerflächen für den Lebensmittelanbau weltweit immer knapper werden. Oder man kann ins Felde führen, dass der verstärkte Maisanbau dazu führt, dass die biologische Vielfalt abnimmt, und dass ganze Landstriche heimischen Tier- und Pflanzenarten keine Heimat mehr bieten können.

Bei der Informationsveranstaltung zur Biogasanlage, die Familie Reichert am östlichen Rand von Bissingen errichten will, haben genau zwei Personen diese berechtigten ethischen und ökologischen Fragen angesprochen. Der breiten Masse jedoch schien es um etwas völlig anderes zu gehen. Biogasanlagen? Meinetwegen. Aber doch nicht vor meiner Nase! So lassen sich die Argumente vieler Bissinger Bürger an diesem Abend zusammenfassen.

Das ist einerseits verständlich. Natürlich stinkt es den Bissingern, die am Ostrand wohnen, dass sie von der Geruchswolke gestreift werden – auch wenn ein Gutachter festgestellt hat, dass die Immissionen vertretbar sind und dass nun einmal keiner das Recht darauf hat, an einem Ort zu leben, an dem es nach nichts riecht – erst recht nicht auf dem Land. Und natürlich ärgert sich ein Familienvater, der soeben ein Haus gekauft hat, wenn ein paar Meter davon entfernt eine Biogasanlage entsteht, die den Wert der Immobilie vermutlich mindern wird.

Tatsache ist aber auch: Wenn solche individuellen Vorbehalte Grundlage politischer Entscheidungen wären, gäbe es in Deutschland keine oder zumindest deutlich weniger Infrastruktur. Wer zum Beispiel lärmempfindlich ist, wird sich nicht darüber freuen, wenn in seiner Nachbarschaft eine Kläranlage, ein Kindergarten oder eine Schule gebaut wird. Dennoch würde niemand die Notwendigkeit bestreiten, denn Kläranlagen, Kindergärten und Schulen sind nun einmal Teil der Daseinsvorsorge – genauso wie die Versorgung mit elektrischer Energie. Aus diesem Grund ist es auch sinnvoll, dass nicht der Gemeinderat, sondern das Landratsamt entscheidet, ob die Biogasanlage gebaut werden kann oder nicht.

Die Energiewende ist nicht ohne Einschränkungen zu schaffen. Wenn es stimmt, dass die Mehrheit der Deutschen keinen Atomstrom mehr will, muss jeder einen Beitrag leis­ten. Wer Ökostrom will, muss sich mit dem Bau von Biogasanlagen, Windrädern, Pumpspeicherkraftwerken und neuen Strommasten anfreunden. Und zwar nicht nur hinterm Berg. Sondern auch vor der eigenen Nase.