Mehr Betroffene besuchen die „Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt“
„Kompass“ weist den Weg​

Sexueller Missbrauch verändert das Leben der Betroffenen tiefgreifend. Das Empfinden von Scham, Schuld und Wertlosigkeit, aber auch Panik­attacken, Angst und Depressionen können die Folgen sein. Die Kirchheimer Beratungsstelle ­„Kompass“ bietet Hilfe.

Kirchheim. Ein Kompass gibt Orientierung und weist den Weg. Er bietet Sicherheit und Hilfe in schwierigen, unübersichtlichen Situationen. Kompass – so lautet auch der Name der „Psychologischen Fachberatungsstelle bei sexualisierter Gewalt“ im Lankreis Esslingen, die in Kirchheim untergebracht ist. Vier Therapeuten dienen hier als Ansprechpartner für Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Sie beraten und begleiten aber auch Angehörige und Freunde sowie Ratsuchende zum Beispiel von Vereinen oder Kindergärten, die einen Verdacht auf sexuellen Missbrauch haben. Heuer gibt es die Beratungsstelle, die vom Landkreis finanziert wird, seit 20 Jahren.

Das Thema „Sexualisierte Gewalt“ ist im vergangenen Jahr aufgrund der Vorfälle in kirchlichen Institutionen und Internaten verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. „Das Thema hat Aufwind bekommen“, bestätigte Angelika Schönwald-Hutt, Leiterin der Kirchheimer Beratungsstelle, bei einem Pressegespräch am ges­trigen Donnerstag. Viele Menschen seien durch die Vorfälle dazu ermutigt worden, über ihre eigenen Erlebnisse zu sprechen und das – manchmal über Jahre andauernde – Schweigen zu brechen.

So verzeichnete die Beratungsstelle im vergangenen Jahr 200 Anfragen – wobei zwölf davon von Fachkräften stammen, die Fortbildungsveranstaltungen der Beratungsstelle besuchen oder sich allgemein über das Thema „Sexueller Missbrauch“ informieren


wollten. Demnach kümmerten sich die Therapeuten um 188 „fallbezogene Anfragen“. Zum Vergleich: Im Jahr 2009 waren es 144. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 457 Betroffene, Bezugspersonen, Fachkräfte, aber auch Beschuldigte therapeutisch unterstützt.

Der Hauptanteil der Betroffenen, die das therapeutische Angebot in der Beratungsstelle in Anspruch nehmen, liegt bei den 14- bis 21-Jährigen. „In der Regel sind es mehr Mädchen“, informierte Angelika Schönwald-Hutt. Aber auch immer mehr Jungs hätten sich in den vergangenen Jahren an die Beratungsstelle gewandt. „Im Lauf der Jahre wurden Tabus gebrochen. Früher war es undenkbar, dass ein Junge sagt: Ich bin Opfer“, verdeutlichte die Leiterin von „Kompass“. Zu den Tabubrüchen zähle darüber hinaus die Tatsache, dass es nicht nur männliche, sondern auch weibliche Täter gibt, fügte Angelika Schönwald-Hutt hinzu.

Die meisten Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in der Beratungsstelle Hilfe finden, wurden nicht von fremden Personen belästigt. „Die Täter stammen überwiegend aus der Familie oder aus dem nahen sozialen Umfeld“, informierte die Leiterin.

Eine Therapie für die Betroffenen dauert in der Regel zwischen zwölf und 24 Monaten. Dabei kommen die Betroffenen und Therapeuten zu Gesprächen zusammen, in denen zunächst ein Vertrauensverhältnis aufgebaut wird. „Anschließend findet eine Stabilisierung statt. Das heißt, wir arbeiten mit dem Betroffenen aus, wo seine Stärken und Fähigkeiten liegen“, erklärte Therapeutin Katja Englert. „Ein Missbrauch geht mit Abwertung und Schuldgefühlen einher. Das Selbstwertgefühl ist schwach ausgeprägt. Deshalb unterstützen wir die Betroffenen darin, sich wieder anders wahrzunehmen.“

Notwendig sei in den meisten Fällen zudem die Traumabearbeitung, bei der sich die Opfer mit dem Geschehenen beschäftigen. Aber auch Trauer und Neuorientierung gehören zur Therapie der Beratungsstelle. „Die Betroffenen betrauern das, was sie erlebt haben. Aber sie nehmen auch Abschied von der Erfahrung“, sagte Katja Englert. Ziel sei jedoch keineswegs, den Missbrauch zu verdrängen, fügte Angelika Schönwald-Hutt hinzu. „Das Erlebte ist als eine sehr schmerzliche Erfahrung in das Leben integriert. Es muss die Zukunft aber nicht beeinflussen.“

Neben den Opfern, ihren Angehörigen und Freunden betreuen die Therapeuten der „Kompass-Beratungsstelle“ auch Täter. Diese besuchen aber nicht freiwillig die Beratungsstelle, sondern erhalten die Auflage für eine Therapie. Im vergangenen Jahr kümmerten sich die Therapeuten um 25 Beschuldigte (2009 waren es 24). Das Gros war dabei zwischen 14 und 18 Jahre alt.

„Unser Anliegen ist, ein großes Netzwerk innerhalb des Landkreises zu flechten“, betonte Angelika Schönwald-Hutt. „Denn es gibt keinen Bereich, in dem sexuelle Übergriffe nicht stattfinden können.“ Die Verantwortlichen zum Beispiel in Vereinen, Kindergärten, Schulen, Jugendhilfeeinrichtungen oder kirchlichen Institutionen sollten sich darüber im Klaren sein, wie man mit dem Thema „Sexualisierte Gewalt“ umgeht und wo man Hilfe findet. „Wichtig ist, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und zu wissen: Es gibt einen Platz, an dem man darüber sprechen kann.“