Gefeiertes Gastspiel des Schlippenbach-Trios im Kirchheimer Club Bastion
Kultivierte freie Improvisation

Kirchheim. Wer seit über vierzig Jahren musiziert, beeindruckt schon aufgrund seiner künstlerischen Langlebigkeit. Sich auf einem solchen Alters-Bonus auszuruhen, hat


das noch immer höchst vitale Schlippenbach-Trio jedoch nicht nötig. Wie bei ihrem Auftritt im Kirchheimer Club Bastion zu erleben, schöpfen Alexander von Schlippenbach (Klavier), Evan Parker (Saxophon) und Paul Lovens (Schlagzeug) aus ihrer reichen Erfahrung musikalische Qualitäten, die der von ihnen kultivierten freien Improvisation zu einem Niveau verhilft, das weit über jede nur situativ gegriffene Klanglichkeit hinaus reicht.

Ein sich mehr oder minder intuitiv vollziehendes „Interplay“ ist fraglos jeder halbwegs soliden Jazz-Formation zu attestieren. Das Schlippenbach-Trio demonstrierte, wie so etwas tatsächlich geht. Ohne Blickkontakte nötig zu haben, ganz dem Hören und dem eigenen Musizieren als eine Reaktion und Weitergestaltung des Spiels der Mitstreiter gewidmet, schufen die Künstler einen sich stetig entwickelnden Klangstrom changierender energetischer Momente. Durchdrungen von einem großartigen Sinn für Ökonomie, schienen die Akteure den weiteren Gang der musikalischen Textur schon einen Tick eher zu erahnen, als er klanglich manifest wurde. So verschmolz das Trio zu einer Einheit dreier profilierter Positionen, in der Aktion und Reaktion in ihrer Gegensätzlichkeit aufgehoben wurden.

Vergleicht man das Schlippenbach-Trio heute mit dem Revoluzzer-Gestus ihrer ersten Studio-Aufnahme „Pakistani Pomade“ aus dem Jahr 1972, so ist unschwer die Klarheit und detaillierte Sorgfalt zu erkennen, die den jugendlichen Überschwang von einst ersetzt. Nichtsdestotrotz besitzt die Formation ihr unverwechselbares Gepräge: Parkers perkussives Staccatissimo und seine diesmal bis zur Zugabe aufgesparten Zirkularloops, Lovens kleingliedrig-gestisches Schlagwerk und Schlippenbachs markante Clusterbildungen, die das Primat von Dynamik und Rhythmus gegenüber Harmonie und Melodie unterstreicht, welches die künstlerische Haltung des Trios bezeichnet.

Man mag sich fragen, wie ein Ensemble, das über eine so lange, in der Improvisationsszene seltene Kontinuität der Spielpraxis verfügt, sich stets aufs neue offen geben, den eigenen Output frisch und unverstellt halten kann, ohne in vorgefertigte Muster zu verfallen. Der Ansicht, der freie Improvisationsprozess müsse zwangsläufig von den gemachten Spielerfahrungen eingeschränkt und belastet werden, tritt Alexander von Schlippenbach entgegen: „Es bilden sich Klischees heraus, gewisse Dinge, die von der Erwartung her eintreffen mögen“, äußerte er sich einmal in einem Interview. „Man stellt sich darauf ein, und die Musik bekommt eine bestimmte Richtung. Wenn man es aber fertig bringt, durch solche Phasen hindurchzugehen und sich kritisch genug damit auseinandersetzt, dann kann man einen Schritt weiterkommen. Und dann kriegt die Musik plötzlich einen festen Boden unter den Füßen, der ihr sonst erst mal fehlt.“

Eine erarbeitete innovative Kraft also, die beim gefeierten Gastspiel des Schlippenbach-Trios in der Bastion zu eindrucksvoller, intensiver Präsenz gelangte.