Kirchheim. Wie unterschiedlich die kulturellen Wurzeln von Menschen aus der Teckregion sein können, haben rund 70 weibliche Besucherinnen bei der Frauen-Lesenacht in der
Viktoria Pardey
Stadtbücherei Kirchheim erlebt. Anhand selbst ausgewählter Literatur stellten fünf Frauen ihr Ursprungsland und dessen Kultur vor.
Zum 14. Mal hatten der Pädagoginnentreff und die Stadtbücherei zu einem Leseabend eingeladen, bei dem die kulturelle Begegnung ganz unterschiedlicher Frauen im Mittelpunkt stand. Männer waren ausdrücklich nicht erwünscht, und so genossen es die Teilnehmerinnen, sich mal wirklich alles vom Herzen zu reden und natürlich fragen zu können. Musikalisch eingeleitet wurde die Veranstaltung von Vanessa Wünsch am Marimbaphon, einem Xylophon mit besonders großem Tonumfang. Die berührenden Klänge weckten nicht nur Interesse, sondern stimmten auf spannende Textbeiträge und Diskussionen ein.
Die Vorleserinnen zogen sich schon bald in die verschiedenen Winkel der Bücherei zurück, wo gemütliche Leseecken eingerichtet waren. Besonders hübsch hatte die Russin ihre Ecke eingerichtet. Matroschkas unterschiedlicher Größe, die jeder mit ihrer russischen Heimat in Verbindung brachte, standen neben Büchern. Ausgesprochen vielfältig waren die vorbereiteten Texte der Frauen, ob sie aus China, Russland, Ungarn, den USA oder Kirgistan stammten. Das Kinderbuch „The Giving Tree“ von Shel Silverstein, hatte sich die Amerikanerin ausgesucht und ließ ihre Zuhörerinnen reihum in das giftgrün eingebundene Werk schauen, nachdem sie die kurzen Texte vorgelesen hatte. Dies war ebenso Literatur wie das Buch, das sich die ungarische Teilnehmerin ausgesucht hatte. Sie las aus einem Werk der mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichneten Autorin Terezia Mora. Die anfänglichen Bedenken des Publikums, das Verständnis könnte aufgrund der fremden Sprachen dabei zu kurz kommen, wurden schnell zerstreut. Die Textausschnitte wurden zum Teil zum Mitlesen in deutscher Sprache ausgeteilt oder übersetzt wiedergegeben. Manch einer erfreute sich auch an den rhythmischen Klängen einer neuen Sprache oder wunderte sich über die fehlenden Vokale.
Aber nicht nur die Sprache und Sprachgewohnheiten wie, dass manauf „Ungarisch“ viel besser schimpfen kann, standen in den nachfolgenden Diskussionen im Mittelpunkt. Das breite Spektrum der Beiträge reichte von der Rolle der Frau in Russland über das Gesundheitssystem in den Vereinigten Staaten von Amerika bis hin zur deutschen Minderheit in Kirgistan. Wissbegierig wollten die Zuhörerinnen natürlich auch wissen, wie die Vortragenden überhaupt nach Deutschland gekommen waren. Und wie akzeptieren schwäbische Schwiegereltern zum Beispiel eine Chinesin?
Bei den Erzählungen aus dem Leben der Vortragenden wurde den Zuhörerinnen schnell bewusst, wie unterschiedlich die Lebensläufe der Menschen in der Region sein können und wie viel Interessantes man von seinen Mitmenschen erfahren und lernen kann. So stellte Gyöngyi Michels zwar die Kultur Ungarns vor, ist aber tatsächlich als Angehörige der dortigen Minderheit in Rumänien aufgewachsen. Der Bericht über die Flucht ihrer Familie 1986 über Österreich nach Kanada und ihre Rückkehr nach Deutschland bewegte die Teilnehmerinnen. Wie fühlt man sich zum Beispiel, wenn man sich plötzlich illegal in einem anderen Land aufhält? Auch Meena Sundaresan, die über das amerikanische Kinderbuch eine Debatte über das Älterwerden anregte, hat einen vielschichtigen Hintergrund. So kommen ihre Eltern aus Indien, sie selbst ist in Kanada geboren und hat in den USA gelebt. Für viele Zuhörer ist gerade Altern fern der Heimat, fern der bekannten Strukturen und Abläufe, unvorstellbar. Aber wie ist es, wenn die Eltern auf einem anderen Kontinent alt werden?
Grund genug, den Vortragenden die Frage nach der Heimat zu stellen. Treffend scheint da die Antwort von Yi Chi, die schon zum dritten Mal bei der Frauen-Lesenacht dabei ist: In Deutschland ist sie eine Asiatin und in China hält man sie für „made in Germany“. Sie selbst sieht sich schlicht als asiatische Schwäbin. Akzeptanz und Respekt, so stellte sie heraus, sei das wichtigste im multikulturellen Zusammenleben.
