Esslingen. Seit knapp zwei Jahren gibt es den Verein „Schwäbisches Streuobstparadies“. Kommunen, Landwirte, Unternehmen, private Gütlesbesitzer, Verbände, Vereine und die Landkreise Esslingen, Reutlingen, Göppingen, Böblingen und Tübingen sowie der Zollernalbkreis haben sich zusammengeschlossen, um den Kulturschatz Streuobstwiese zu bewahren.
Entlang des Albtraufs befinde sich die größte zusammenhängende Streuobstlandschaft Mitteleuropas, sagte Landrat Heinz Eininger bei einer Infoveranstaltung zum Verein am Mittwochabend im Esslinger Landratsamt. Gekommen waren zahlreiche Interessierte, die mehr über das „Schwäbische Streuobstparadies“ erfahren wollten.
Trotz der zahlreichen Mostereien, Brennereien, Lehrpfade, Kirschen-, Most- und Zwetschgenfeste und vielem mehr „ist es nicht besonders gut um diese Kulturlandschaft bestellt“, sagte der Landrat und Vorsitzende des Vereins. Doch die Streuobstwiesen hätten einen hohen Erholungswert und seien Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen. „Alle gehen gerne durch die blühenden Landschaften. Aber immer weniger sind dazu bereit, die Wiesen zu mähen, das Obst aufzusammeln und zu verwerten.“ Es sei paradox, dass viele Menschen monatlich 70 Euro fürs Fitnessstudio bezahlen, obwohl sie „doch auch draußen Bewegung haben könnten“.
Er betonte, dass der Verein – was den Kreis Esslingen anbelangt – bislang vor allem in der Region um den Albtrauf vertreten sei: 46 der 54 Mitglieder im Kreis kommen aus dieser Gegend. „Wir wollen uns ausdehnen. Es geht nicht nur um das Albvorland – es geht um den ganzen Landkreis“, sagte Eininger. Der Verein wolle niemandem Konkurrenz machen, fügte er hinzu. Es gehe vielmehr um eine Ergänzung. „Wir wollen durch eine bessere Vermarktung und eine touristische Nutzung einen Mehrwert erreichen. Es soll sich wieder lohnen, den Buckel krumm zu machen.“
„Wir stehen an einem Scheideweg. Ist das Ende des Paradieses schon eingeleitet?“, fragte Maria Schropp, Geschäftsführerin des Vereins. Vielen Menschen sei nicht bewusst, um was es geht und dass unsere Landschaft nicht zum Nulltarif zu haben sei. Genau hier wolle der Verein ansetzen. Ein Patentrezept gebe es jedoch nicht, ergänzte Maria Schropp. „Wir müssen Geduld aufbringen.“ Das Ziel könne nicht von heute auf morgen gelingen.
Die Geschäftsführerin ging anschließend auf die Projekte des Vereins ein. So werde derzeit ein Routenkonzept erarbeitet, bei dem Wander- und Radwege sowie Busrouten mit „Erlebnisangeboten“ rund um das Thema Streuobstwiesen verknüpft werden sollen. Die Ausflügler sollen die Landschaft genießen, die Streuobst-Produkte kaufen und einkehren. Außerdem seien die Veranstaltungsreihen „Das Paradies brennt“ und „Schwäbisches Hanami“ ins Leben gerufen worden, bei denen man ebenfalls die Streuobstwiesen und deren Produkte erleben könne. Es gebe Lehrgänge und Fortbildungen; und in punkto Nachwuchsförderung würden Streuobstpädagogen ausgebildet, die mit Schulkindern ein Jahr lang eine Obstwiese bewirtschaften. Aus Werbezwecken sei der Verein außerdem auf zahlreichen Veranstaltungen und Messen vertreten, zum Beispiel auf der CMT in Stuttgart.
„Wir können nicht jedem Gütlesbesitzer für seine Arbeit Geld geben“, sagte Verena Grötzinger, Bürgermeisterin des Städtchens Owen, das bereits Vereinsmitglied ist. „Aber die Stadt kann die Grundstücksbesitzer bei der Vermarktung der Produkte unterstützen.“ Die fachliche und touristische Komponente spiele bei dem Verein zusammen. „Deshalb bin ich begeistert davon“, warb sie um weitere Mitglieder. „Wir Owener sind nicht weltfremd. Wir haben die Chance des Vereins erkannt.“ Das bestätigte Landwirt, Direktvermarkter und Streuobstwiesenbesitzer Thomas Rabel aus Owen, der nach eigener Aussage von seinen Streuobstwiesen leben kann: „Wir alle können miteinander etwas bewegen. Der Verein ist das ideale Portal.“ Zu den ersten Vereinen, die dem „Schwäbischen Streuobstparadies“ beigetreten sind, zählte der Obst- und Gartenbauverein (OGV) Weilheim. „Für uns war dies selbstverständlich“, sagte der OGV-Vorsitzende Karl Bölz. Ihm schwebt als neueste Idee ein Streuobstparadies-Schorle vor, das man auch über die Grenzen der Region hinaus anbieten könne.
