Noch 220 Asylbewerber soll der Kreis Esslingen in diesem Jahr aufnehmen. Seit Monaten sucht die Kreisverwaltung deshalb händeringend nach weiteren Unterkünften. Jetzt scheint sie einen Vermieter gefunden zu haben, der den Bedarf größtenteils decken kann.
Roland Kurz
Kreis Esslingen. 477 Asylbewerber hat der Landkreis derzeit in zwei großen Heimen in Esslingen und Kirchheim untergebracht, die anderen in kleinen Häusern oder Wohncontainern in Altbach, Deizisau und Aichtal-Grötzingen. Die Zahl hat sich binnen Jahresfrist etwa verdoppelt. Der Bedarf ändere sich täglich, sagt Peter Keck, Sprecher des Landrats. Dies hänge von den Zugängen beim Land ab. Aktuell gehe man davon aus, dass in diesem Jahr noch 220 Flüchtlinge kommen. Auf der anderen Seite rechne man mit 90 Personen, die ausziehen. Die Differenz beträgt also 130 Plätze.
Etwa 100 Wohnheimplätze kann offenbar ein Vermieter ab Anfang 2013 zur Verfügung stellen. Keck: „Wir sind in Gesprächen.“ Vom Land erhofft sich die Kreisverwaltung bis dahin einen Aufschub. Wie die Lücke vollends zu schließen ist, weiß Keck nicht. Zeitungsannoncen sind bereits geschaltet sowie Hotels und Gasthöfe angefragt worden. Die Hotels seien aber ausgebucht. Die Asylbewerber kosten den Kreis auch Geld. Deshalb wäre ein „sachgerechter finanzieller Ausgleich“ besser als die Appelle des neuen Integrationsministeriums, kritisierte Landrat Heinz Eininger vor ein paar Tagen. Die Landesregierung solle den Pauschalbetrag anheben. Für jeden Asylbewerber erhält der Kreis 10 433 Euro. Das reicht dem Kreis nicht, er legt dieses Jahr 1,3 Millionen Euro drauf, für nächstes Jahr rechnet Sozialdezernent Dieter Krug mit 2,23 Millionen. Allein das Urteil des Verfassungsgerichts zur höheren Regelleistung für Asylbewerber schlägt sich mit 700 000 Euro zusätzlich nieder.
300 000 Euro gehen von der Kreiskasse an die Arbeiterwohlfahrt. Die AWO sorgt für die psychosoziale Betreuung der Asylbewerber, hilft bei Rechtsfragen und im Umgang mit Ämtern. An allen Wohnheimen haben sich auch ehrenamtliche Betreuerkreise gebildet. Derzeit müssen sich die AWO und der Kreis aber vom Grötzinger Arbeitskreis Kritik gefallen lassen. Vier Stunden Betreuung in der Woche reiche für die 28 Asylbewerber nicht aus.
Das sieht im Grunde auch Julie Hoffmann von der AWO so. Aber innerhalb des finanziellen Rahmens werde das Bestmögliche geleistet, der Kreis Esslingen gebe die Pauschale komplett an die AWO weiter, das sei nicht in allen Kreisen üblich. Die dichte Belegung der Wohnheime führe aber immer wieder zu schwierigen Situationen. So könne bei der Zimmerbelegung nicht immer auf die Familiennachzügler oder traumatisierte Familien Rücksicht genommen werden. Alle Erwartungen, so die Leiterin des AWO-Sozialdienstes, könne man auch nicht erfüllen – sie erwarte von den Flüchtlingen eine gewisse Selbstständigkeit. Aufgrund der kleineren Wohnheime gehe für die Betreuer zudem viel Zeit auf der Strecke verloren, bedauert Hoffmann.
Das ehemalige Pflegeheim Altbach komplett mit Asylbewerbern zu belegen, wäre ideal gewesen. In Altbach regte sich im Vorfeld aber Widerstand, woraufhin die Kreisverwaltung nur das halbe Haus belegte. In der Asylunterkunft gibt es laut Hoffmann keine Probleme, alle Bewohner kämen aus Pakistan und gehörten der verfolgten Religionsgemeinschaft der Ahmadis an, meist gebildete Leute. Engagierte Bürger haben einen Arbeitskreis gegründet und versuchen derzeit, ein Angebot für Deutschunterricht aufzubauen.
An der Situation in Grötzingen will Hoffmann nichts beschönigen. „Das ist schlimm. Das ist sogar gefährlich, wenn das Wasser in der Nähe von elektrischen Leitungen tropft.“ Den Kellerraum, der als Küche diente –Zweiplattenherd, keine Spüle – hat das Landratsamt inzwischen geschlossen. Jetzt teilen sich zwei Stockwerke eine Küche.
Auf Landes- und Bundesebene sind zwei Gesetzesänderungen im Gespräch. So überlegt die grün-rote Landesregierung, die Wohnfläche von 4,5 Quadratmetern, die jedem Asylbewerber zusteht, zu erhöhen. Auf Bundesebene wird eine bessere soziale Betreuung angestrebt. Ohne finanzielle Gegenleistung, so heißt es im Landratsamt, sei das nicht zu machen. Andererseits will Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) an den Reisebedingungen für Flüchtlinge aus Serbien und Mazedonien drehen. Aus diesen Ländern kommen vor allem Roma – auch in den Kreis Esslingen. Dass hier wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend sind, ist für Julie Hoffmann offensichtlich. Die richtige Gegenmaßnahme wäre aber die Bekämpfung der Armut in den Herkunftsländern. Deutschland habe in dieser Richtung seine Zusagen nicht eingehalten.
Die 477 Asylbewerber im Kreis Esslingen sind derzeit in fünf Wohnheimen untergebracht. In Esslingen 111, in Kirchheim 280, in Altbach 30 sowie in Aichtal und Deizisau jeweils 28. Die Flüchtlinge kommen momentan vor allem aus Afghanistan, Iran, Irak, Serbien und Mazedonien.
