Herta Däubler-Gmelin ließ im Bohnauhaus auch unbequeme Wahrheiten nicht aus
Lehrstunde in Sachen Eigenverantwortung

Sollen sich Christen politisch engagieren? Diese Frage beantwortete Herta Däubler-Gmelin bei einem Abend der Christlichen Initiative Kirchheim (CIK) im Bohnauhaus mit einem deutlichen Ja. Zugleich sprach sie dabei unverblümt unbequeme Wahrheiten an und forderte von den Zuhörern mehr Eigeninitiative.

Kirchheim. Politik ist ihr Metier: 37 Jahre saß Herta Däubler-Gmelin für die SPD im Bundestag, leitete das Justizministerium und übernahm als stellvertretende Parteivorsitzende Verantwortung. Doch auch in der Theologie ist die Tübinger Juristin zu Hause, was sie unter anderem vor zwei Jahren mit der Übernahme der Stiftungsprofessur an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen zum Thema Menschenwürde und Menschenrechte unter Beweis stellte.

Glaube und Politik, nicht selten ist damit auch eine Machtfrage verbunden. Das machte die Tübingerin, die familiäre Wurzeln in der Teckstadt hat, mit Beispielen aus dem Arabischen Frühling deutlich. Die fehlende Trennung von Kirche und Staat sei hier mitunter lebensbedrohlich. So werde im Iran das Verlassen des muslimischen Glaubens als todeswürdiges Verbrechen betrachtet: „Und der Staat hat das zu vollziehen“, gab sie ein Beispiel. Doch auch in der Geschichte des christlichen Glaubens habe es so etwas schon gegeben, warnte sie vor Arroganz. Bei den Hexenverbrennungen seien religiös motivierte Anschuldigungen staatlich vollzogen worden.

Wie aber passe dann Glaube und Politik zusammen? Däubler-Gmelins Antwort darauf im Bohnauhaus, wo sie auf Einladung der CIK sprach, war deutlich: „Christen sollen, ja müssen sich politisch engagierten – auf der Basis des Grundgesetzes“, ist ihre feste Überzeugung. Fragen und Probleme, die Glaubenswerten widersprechen, gebe es zur Genüge, erklärte die SPD-Frau. Sie prangerte das Flüchtlingssterben vor Lampedusa an und die „Das Boot ist voll“-Mentalität. Deutschlands Bereitschaft, nur 5 000 Menschen aufzunehmen, spricht für sie ganz klar gegen Tugenden wie Menschenwürde, Nächstenliebe und die Bewahrung der Schöpfung. Ebenso, wie wechselnde Mode auf den Knochen der Menschen in Bangladesch auszuleben, oder sein Obst in umweltschädlichen Plastiktütchen nach Hause zu tragen.

Aus Sicht der engagierten Menschenrechtlerin wird gegen die Missstände viel zu wenig getan. „Wo sind die Christen, wenn gegen ein Flüchtlingsheim demonstriert wird?“, fragte sie provokant. Einfach auf „die da oben“ zu zeigen und auf deren Handeln zu warten, funktioniere für sie als Christin jedenfalls nicht: „Dabei zeigen immer drei Finger auf einen selbst zurück“, machte sie klar, dass Politik nicht ohne Druck von unten handelt. Und ergänzt: „Weinerlichkeit und Bequemlichkeit geht für Christen schon gar nicht.“

In der Diskussion steckte sie den Finger noch tiefer in die Wunde. Als sie auf einen Fall angesprochen wurde, in dem ein Jugendlicher lieber Arbeitslosengeld kassiert statt nach der Lehre eine angebotene Stellung anzunehmen, lautete ihre Antwort: „Kennen Sie den jungen Mann? Dann kümmern Sie sich um ihn“, nahm sie den Fragenden in die Pflicht. Im Supermarkt gebe es nur noch Plastiktüten für das Obst? „Machen Sie Krach“, lautete Däubler-Gmelins Rat.

Dabei spielt es für die Sozialdemokratin keine Rolle, ob man sich in einer Partei oder einer Organisation wie Amnesty International engagiert. „Jeder kann etwas tun“, machte sie klar, dass Politik keinesfalls mit Parteien gleich zu setzen ist. Auch die Größe des eigenen Geldbeutels sei irrelevant. „Jeder muss sehen, wie weit er mitgehen kann“, sagte sie. Doch wer darauf achte, fair hergestellte Produkte zu kaufen, bewege schon viel, gab sie zu bedenken. Der Schritt wirklich etwas zu tun, das ist für sie das Entscheidende.