Bertram Schattel schreibt die Musik für das Musical zum Friedrichshafener Stadtjubiläum
Leidenschaft vereint mit Können

Kirchheim. Dieser Mann schreibt Musik nicht einfach. Wer den 54-jährigen Bertram Schattel erlebt, der die Musik für das Musical zur 
200-Jahr-Feier der Stadt Friedrichshafen komponiert, ist bald überzeugt: Der Mann kann gar nicht anders, als Musik zu schreiben, zu arrangieren, aufzuführen oder über Ensembles, Aufführungen und Ideen für Musik zu reden – er lebt und atmet Musik. In Zeiten, in denen Massenmedien im Jahrestakt atemlos und hysterisch „Superstars“ küren, über die ein Jahr später kein Mensch mehr spricht, sind authentische Kunstschaffende wie Bertram Schattel eine wohltuende Ausnahmeerscheinung.

Bertram Schattel ist Musiklehrer an der Musikschule in Kirchheim, unterrichtet dort und privat Klavier und Gesang. Dazu leitet er mehrere Chöre, arrangiert, dirigiert, hält Vorträge, ist Fachmann für Musiktheater für Kinder und Jugendliche oder Juror bei Musikwettbewerben im In- und Ausland.

Vor 16 Jahren gründete er das Musiktheater-Archiv Baden-Württemberg, das er bis vor drei Jahren leitete. Das Archiv mit seiner bundesweit einzigartigen Sammlung im Bereich Kinder- und Jugendmusiktheater hat heute seinen Standort bei der Musikschule in Korntal-Münchingen.

Bertram Schattel ist am Bodensee – in Radolfzell – geboren und bis zu seinem sechsten Lebensjahr am See aufgewachsen. Es gibt aber noch andere, ganz spezielle Verbindungen zu Friedrichshafen. Im Herbst 2006 führten Schüler des dortigen Graf-Zeppelin-Gymnasiums Schattels „Müllrevue“ auf. Und Arno Kleiß, Musiklehrer am Zeppelin-Gymnasium und Initiator des Musicals, kennt Bertram Schattel aus gemeinsamen Studienzeiten an der Musikhochschule Stuttgart.

Die Leidenschaft, die Bertram Schattel der Musik in all ihren Facetten entgegenbringt, erklärt sich zum einen durch einen Blick auf seine Familie – der Vater Helmut Schriftsteller und Textdichter für Musikproduktionen, die Mutter Bruni Tänzerin und Schülerin von Mary Wigman, einer der einflussreichsten Wegbereiterinnen des rhythmischen Ausdruckstanzes in Deutschland, die Tochter und die beiden Söhne aktiv und erfolgreich als – na was wohl? – Musiker.

Betram Schattels Leidenschaft erklärt sich schon allein durch einen Blick auf die Masse an Projekten und Arbeiten aus seiner Feder. Mehr als 20 Musiktheaterstücke für Kinder und Jugendliche hat er geschrieben und oft auch selbst aufgeführt. Zwei Ballette, eine Rock-Pop-Messe und diverse Kantaten stammen von ihm, dazu eine Vielzahl an Kompositionen für Chöre und Orchester unterschiedlichster Größe und Stilrichtung.

Nachvollziehbar wird diese scheinbar unermüdliche Leidenschaft, wenn Bertram Schattel über seine Motivation spricht. Dann wird auch verständlich, warum solch ein Vollblutmusiker – um die überstrapazierte, in Schattels Fall aber zutreffende Bezeichnung zu verwenden – einen großen Teil seiner Zeit dem Gesangverein eines 1 700-Seelen-Dorfs widmet, der „Liederlust“ in Ohmden: Weil er dort auf einen Chor und eine Vereinsführung trifft, die seinen Ehrgeiz und seine Begeisterung teilen und sein Tempo und seine Ideen bei der Umsetzung mitgehen. Und weil er überzeugt ist, dass ganz speziell in der Konzentration auf die Nachwuchsarbeit das Heilmittel gegen das Aussterben kleiner Gesangvereine liegt.

In Ohmden haben die Macher der „Liederlust“ um Bertram Schattel im vergangenen Jahr mit viel Erfolg ein neues Projekt auf die Beine gestellt: Die „Männersache“, ein Chor rein aus jungen Männern, steht heute neben dem gemischten Chor des Gesangvereins bei Auftritten auf der Bühne.

Seit dem vergangenen Jahr sitzt Bertram Schattel an der musikalischen Umsetzung des Librettos von Peter Renz für das Friedrichshafener Jubiläums-Musical mit dem Arbeitstitel „Der Himmel über dem Bodensee“. Musikalisch werde es „ein typischer Schattel, mit sehr viel Crossover und einer ganzen Vielfalt von musikalischen Stilen“, verrät er vorab schon einmal.

Je nach Handlung gebe es mal mehr Rock-Pop-Jazz, mal mehr Traditionelles – „aber in Teilen, die traditionell daherkommen, ist immer ein bisschen Augenzwinkern dabei. Schließlich soll es ja Unterhaltung sein.“

An Pfingsten 2010 lag Schattel erstmals das Libretto vor. Das Ergebnis seiner Komposition, sagt Betram Schattel, „ist kein traditionelles Song-Sprechtext-Song-Sprechtext-Muster. Der Text hat mich geradezu gezwungen, durchzukomponieren.“ Entstanden sind so fast zwei Stunden Musik. Die muss er jetzt für großes symphonisches Blasorchester instrumentieren. Mehr als 400 Seiten werden es zum Schluss sein, schätzt Schattel.

Am 22. September soll hinter dem Friedrichshafener Graf-Zeppelin-Haus „Der Himmel über dem Bodensee“ seine Premiere erleben, drei weitere Freiluft-Aufführungen vor gleicher Kulisse sind geplant.

Es ist zu vermuten, dass Bertram Schattel bis dahin schon wieder ein paar tausend neue Noten geschrieben hat – für die nächste Aufführung, den neuesten „typischen Schattel“.