Sabine Zett las vor Kindern in der Buchhandlung Schieferle
Lesen soll Spaß machen

Kirchheim. Die Buchhandlung Schieferle ist mit ganz junger Kundschaft belebt. Es sind Viertklässler. Selbstbewusst tragen die meisten ein Buch davon wie eine Beute.


Ulrich Staehle

Wenn das das Ergebnis einer Lesung ist, dann ist sie gelungen. Denn sie hat das erreicht, was der Zweck der Übung ist: In der letzten Oktoberwoche findet jedes Jahr landesweit der Fredericktag statt, das heißt es werden Lesungen angeboten, die Appetit machen sollen, den Fernseher oder die Spielkonsole abzuschalten und ein Buch zu lesen. Wenn dies gelingen soll, so gehören eine initiative Buchhandlung und eine appetitanregende Lesung dazu.

Für die Lesung war Sabine Zett zuständig. Sie ist vom Niederrhein angereist, war in verschiedenen Schulen der Region und nun bei Schieferle. Von Hause aus ist sie Journalistin. Vor drei Jahren hat sie ihre Begabung entdeckt, Kinderbücher zu schreiben. Ihre beiden Kinder sind ihr Anschauungsmaterial und Prüfstand für die Texte. Mittlerweile hat sie zwölf Bücher geschrieben, bekannt sind die drei Bände „Die Fußballkracher“ und jetzt vor allem die Hugo-Reihe, von denen mittlerweile fünf Bände erschienen sind. Sie erzielen pro Band eine Auflage von etwa fünfzigtausend Stück, auch in Übersetzungen. Das ist für Jugendbücher enorm viel und zeigt, dass die Autorin richtig liegt. Sie füllt eine Marktlücke, indem sie einen Jungen als Seriengestalt in den Mittelpunkt stellt, nachdem die Mädchen sich jahrzehntelang an einer Unzahl von Mädchengestalten orientieren konnten, an Hanni und Nanni, Hilde usw. Sabine Zett hat nun einen Hugo erfunden. Sie durchleuchtet ihn und seine Welt in jedem Band mit anderen Schwerpunkten.

Bevor sie selbst liest, lässt sie Kinderstimmen hören. Zwei Freiwillige dürfen einen Steckbrief vorlesen, der Hugo und seine Welt skizziert: Er ist zwölfeinhalb Jahre alt, hat einen Freund Nico, eine Intimfeindin Laura, die seinen Nachnamen Kotsbusch in Kotzbusch verändert, eine ältere Schwester, die „totale Pest“ für ihn, und er hat einen Schwarm: die ein Jahr ältere Viola. Bei dem Einsatz der Kinder ist die Absicht der Autorin greifbar. Sie will nicht, dass nur sie liest und die Kinder (bald nicht mehr) zuhören, sondern sie pflegt einen permanenten Kontakt mit ihnen, stellt zwischen den Lesepassagen Fragen und gibt notwendige Erläuterungen. Die Lesepassagen werden angeschoben durch die Projektion von Folien mit köstlichen Illustrationen des Bandes „Hugos geniale Welt“. Und wenn sie daraus liest, steht sie vor ihrem Publikum und spricht es somit direkt an. Stimmlich arbeitet sie die verschiedenen Tonlagen heraus.

Hugo ist ein Träumer. Er träumt, ein Mädchenschwarm, ein Fußballstar, ein Filmheld, ein Balletttänzer und vieles andere mehr zu werden. Doch zwischen Traum und Wirklichkeit gibt es eine große Lücke, und durch diese Lücke plumpst Hugo immer wieder hinunter auf den Boden der Wirklichkeit – unangenehm für ihn, aber heiterkeitserregend für die Zuhörer oder Leser. Sabine Zett lässt durch die Situationen und durch ihren Sprachwitz über Hugo lachen, macht ihn aber nicht lächerlich, sondern zeigt Verständnis und Sympathie.

Zum Schluss durften die Kinder noch Fragen stellen. Es waren eine Menge. Solch ein Fragehorizont will angeregt sein. Das ist offensichtlich durch den engagierten Bissinger Grundschullehrer (es gibt tatsächlich noch Grundschullehrer) geschehen. Bei diesem Zusammenspiel von Buchhandlung, Autorin und Lehrkraft schöpft man Hoffnung, dass die Eltern auch noch mitmachen und die bedrohte Pflanze Lesekultur in die nächste Generation hinübergerettet werden kann.