Manuel Andrack begeisterte bei einer Lesung in Oberboihingen mit Ironie und Beobachtungsgabe
Liebeserklärung an den Albverein

Seit dem vergangenen Jahr ist Deutschlands Ober-Wanderer Manuel Andrack Mitglied des Albvereins Oberboihingen. Jetzt stellte er in Oberboihingen sein Buch „Das neue Wandern“ vor.

Oberboihingen. Der bekennende FC-Köln-Fan hatte sein Leseexemplar des im Berlin Verlag erschienenen Buchs „Das neue Wandern“ mit einem VfB-Aufkleber („Niemals Zweite Liga“) dekoriert, so sehr identifiziert er sich mit dem Albverein im Schwabenland, dem er im vergangenen Jahr bei einer Wanderung an der „jungen Donau“ beigetreten war. Und was ihn begeisterte: Während bei der Buch-Premiere in seiner Heimatstadt zwar 100 Leute kamen, aber kein einziges Mal gelacht wurde, so wurde bei der Lesung in Oberboihingen von Anfang bis Ende herzerfrischend gelacht.

Über sich selbst lachen zu können, das kann die schönste Freude sein. Und diese Gabe hat die Truppe des Oberboihinger Albvereins ganz offensichtlich. Da flossen Tränen des Vergnügens, als Andrack noch mal die Wanderung rekapitulierte, bei der der Rheinländer seinen Aufnahmeantrag als Mitglied Nummer 584 bei den Schwaben unterschrieb.

Und dieser Abschnitt zeigt ja auch Andracks große Stärke: Man hätte das Ganze ziemlich ätzend schreiben, die spießigen Schwaben mit ihren Bestimmungsbüchern, Klampfen und erhobenen Zeigefingern wegen unbotmäßigem „Wander-Rennen“ gehörig durch den Kakao ziehen können. Doch das Neumitglied widerstand der Versuchung. Und so wurde der Text die reinste Liebeserklärung, in der ja selbst die Fehler des Partners im Licht der Milde zu glänzen vermögen.

So was macht den wirklich guten Satiriker aus: die richtige Dosis finden und einsetzen zu können. Aber selbst dies wäre noch unvollkommen, wäre Manuel Andrack nicht auch ein solch exzellenter Beobachter: gerade die Kleinigkeiten am Wegesrand sind seine Welt, und gerade sie erzählen – mit seinen Augen betrachtet – viel mehr vom Kern der Dinge, als so manche aufgeblasene Pressemitteilung.

Andrack zitiert zum Beispiel aus Speisekarten von Brauereigaststätten aus der Fränkischen Schweiz, der Region mit der weltweit größten Brauereidichte (in Aufseß im Kreis Bayreuth kommt auf gerade mal 375 Einwohner ein Sudhaus) und vermittelt damit zugleich auch ein Stückchen mittelalterliche Geschichte. Was ihm nicht passt, wird nicht per Holzhammer plattgemacht, sondern mit einem eleganten Seitenhieb bedacht – etwa dem Ratschlag, den Brauereienweg im Frankenland müsse man sich wahrlich schöntrinken: „Oft sehr breit und sehr viel Asphalt.“

Selbst als Pilger aus Passion kann man über Andracks Randbemerkungen schmunzeln, wenn der drüber räsoniert, dass für Wallfahrer die Pilgerei der pure Klimbim ist, er selbst keinen Hehl draus macht, nichts damit anfangen zu können, wenn man stundenlang eine stark befahrene Straße entlangmarschiert, nur weil man sich quälen möchte, und er sich wundert, warum man ausgerechnet auf dem Jakobsweg so viele Evangelische antreffe, wo doch deren Stammvater Martin Luther dringend vom Aufbruch gen Santiago abgeraten habe: „Man weiß nit, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund oder ein totes Ross da liegt.“ Auf der anderen Seite hat Andrack absolut nichts dagegen, die Bibel als Wanderbuch und Jesus als den größten Wanderer aller Zeiten zu sehen: „Das Weggehen und Ankommen zieht sich durch das ganze Buch der Bücher.“

Outet der Autor wiederum sein inneres Grausen, dann ist das für Zuhörer genau das Gegenteil – das pure Vergnügen. Grandios etwa sein Bericht über das Wanderfestival von Bödefeld im Sauerland, bei dem ihn der Horror überkommt, wenn ihn seine Erz-Feinde, die Nordic Walker, mit ihren Stöcken links und rechts und gar zwischen den Beinen piesacken, oder er bei tumben Spielchen wie Riesenschuh-Schnüren, Schlafsack-Wetthüpfen, Blindekuh-Zielwandern und Distanzgefühl-Wandern mitzumachen hat. Aber Andrack wäre nicht Andrack, fielen ihm nicht gleich noch weitere Sportarten ein: Nordic-Walking-Stöcke-Speerwurf, Dressurwandern mit Zylinderpflicht und Haltungsnoten oder (Erz-Feind Nummer zwei) Mountainbiker-Weitschleudern.

Obwohl (oder gerade weil) er die Berge liebt, begegnet der 45-Jährige den Menschen, die seine Leidenschaft teilen, nie von oben herab, sondern mit unverhohlener Sympathie. „Das ist ja auch mein Wanderheim“, sagt er, als er in die stattliche Runde blickt und bekommt leuchten­de Augen, als er sich dann an den Tisch setzt, um zu lesen. Seine Mitgliedschaft beim Oberboihinger Albverein, sie ist kein PR-Gag, und sein Plädoyer voller Herzblut fürs Wandern ist nicht das clevere Ausnutzen einer Marktlücke, sondern echte Überzeugung.