Carsten Ramms BLB-Inszenierung von George Feydeaus „Floh im Ohr“ beeindruckte
Liebesleid und leidige Lügen

Kirchheim. Eines stand nach dem spektakulären Auftaktabend der neuen Theatersaison des Kulturrings in der Kirchheimer Stadthalle fest: Langweilig konnte es bei dem enormen Tempo des zuweilen nicht immer nur die Akteure verwirrenden
 Bühnengeschehens eigentlich niemand geworden sein, der sich gewissenhaft darum bemühte, den Überblick im Durcheinander des immer schneller sich drehenden Personen- und Beziehungskarussells zu wahren.

Bei der für eine kurzweilige Komödie relativ langen Spieldauer von rund zweieinhalb Stunden – einschließlich der nach dem zweiten Akt gerne angenommenen „Erholungspause“ – gab es kaum Spannungslücken. Müdigkeit konnte schon deshalb nicht aufkommen, weil es auf der Bühne ungewöhnlich schnell und grell, kunterbunt und kurios, zuweilen aber auch ungewohnt konsonantenfrei und vokallastig zuging  . . .

Der Titel des Stücks lautete „Floh im Ohr“. Für den Text zeichnete der 1862 in Paris geborene Georges Feydeau, für die Übersetzung keine Geringere als die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2004, Elfriede Jelinek, verantwortlich. Das Wagnis der größte Anforderungen an alle Beteiligten stellenden Umsetzung hatte Intendant Carsten Ramm selbstbewusst geschultert. Bei der Gestaltung des Bühnenbildes wurde er einmal mehr von Ines Unser unterstützt und konnte außerdem auf die uneingeschränkte Unterstützung seines gesamten gut eingespielten Ensembles bauen, das bei dieser nicht zuletzt auch bühnentechnischen Herausforderung uhrwerkgleich zusammenwirken musste.

Von außergewöhnlichen Romanen wird immer wieder gerne kolportiert, dass sie „unverfilmbar“ seien, und gerade die garantieren oft die interessantesten Adaptionen, weil sie ungewöhnliche Lösungen geradezu zwingend erfordern. Georges Fey­deau gilt als herausragender Vertreter des französischen „Vaudeville“, eines einst sehr beliebtes Genres, das sich durch mit Gesang und Musik aus Alltagsthemen möglichst frivole, satirische und kunstvoll konstruierte Verwirrspiele und Verwechslungskomödien auszeichnet, die eigentlich nur unter optimalen Bedingungen gut funktionieren können.

Die waren auf der Stadthallen-Bühne verlässlich fest in Bruchsaler Hand und damit nicht dem Zufall überlassen. Das von dem prallen Stück vielleicht etwas überraschte Kirchheimer Publikum tat sich dagegen etwas schwer, die allein schon rein handwerklich und bühnentechnisch herausragende Ensemble-Leistung der Besucher genauso überzeugend zu würdigen.

Wer durch die harte Schule des berühmt-berüchtigten englischen Humors gegangen ist und gelernt hat, die so kompromiss- wie skrupellos Schmerzgrenzen überschreitende Spielwut von Chaos-Truppen wie etwa „Monty Python‘s Flying Circus“ ohne größere Schäden zu überstehen, wird sich im zwischen larmoyanter Salon- und lasziver Bordell-Atmosphäre wechselnden Milieu dieser Inszenierung leichter zurechtgefunden haben als Traditionalisten, die subventionierte Landesbühnenarbeit immer auch zwingend mit einer nachweisbaren bildungspolitischen Wertschöpfung gleichsetzen.

Diese Hürde wurde mit dem turbulenten „Floh im Ohr“ sicher nicht übersprungen, denn im keine Missverständnisse und Verwechslungen auslassenden Feuerwerk teils verwegener Pointen und teilweise natürlich auch sehr gesuchten – aber immerhin gefundenen Gags – war der erhobene gesellschaftskritische Zeigefinger nur schwer auszumachen. Spaß und vor allem Spielfreude standen im Mittelpunkt einer offensichtlich tatsächlich fast zum Selbstzweck gewordenen Komödien-Inszenierung.

Geboten wurde dem staunenden Publikum eine atemberaubende Melange aus Humbug, Hardcore-Humor und manchmal auch nur spielerisch hingehauchter und leicht übersehbarer, harmloser Heiterkeit. Wie in der an Sinnestäuschung grenzenden Hütchenspielerszene wechselten die Akteure versiert und variationsreich durcheinander, verschwanden hinter einer der vielen Türen und tauchten hinter einer anderen wieder auf, lösten sich auf offener Bühne in Luft auf, waren plötzlich in eine ganz andere Figur hineindupliziert oder legten sich – nicht ohne Folgen – auf ein immer ganz besonders verlässlich für Gags sorgendes drehbares Lotterbett.

Dreh- und Angelpunkt der in ein paar wenigen Sätzen nicht nachzeichenbaren Handlung war ein schlichtes Paar orthopädischer Hosenträger. Einen an sich grundsoliden und immer treuen Ehemann bringt das ausgerechnet vom berüchtigten „Hotel Pussy Cat“ verschickte Päckchen in so große Erklärungsnot, dass bald alle männlichen Akteure in irgendwelche Lügengeschichten verwickelt sind, aus denen sie sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien können. Dass auch die Damenwelt mit ihren abgefeimten Intrigen inmitten der sich potenzierenden Irrungen und Wirrungen nicht lange ihre vermeintliche Unschuld wahren kann, ist von Beginn an deutlich erkennbar.

In fast britischer Härte und Gnadenlosigkeit wird ein fast die ganze Laufzeit nur Vokale von sich gebender Mitspieler von der nie Mitleid erregenden, traurigen Figur sofort zum hämisch auserkorenen und voller Zynismus instrumentalisierten Pointenbringer wider Willen. Dass die anderen beiden durch nicht genügend ausgebildete Sprachenkompetenz als verlässliche Lachnummer angelegten Figuren direkte Nachbarn des sprach- und vor allem auch dialogbegabten Georges Feydeau sind, ist natürlich kein Zufall. Der distinguiert sprechende Brite wird genauso bedenkenlos mit Spott und Häme überzogen wie der heißblütige radebrechende Spanier. Im Gegensatz zu George Feydeaus Leben, das von Spekulationsverlusten und Spielsucht geprägt war und nach letztlich tödlichen Kontakten zum Rotlicht-Milieu in geistiger Umnachtung endete, werden im Spiel in anfangs kaum für möglich gehaltener Vollständigkeit alle „Verrückten“ wieder „normal“ und alle Missverständnisse und Verwechslungen lückenlos aufgeklärt.

Wichtiger als die am Ende mit einem Sieg der Moral und der Läuterung der Akteure mitgegebenen „Botschaft“ dürfte für Intendant Carsten Ramm und seine muntere Truppe gewesen sein, was Johann Nestroy schon zum Titel einer Posse erhoben hatte. „Einen Jux will er sich machen“ – und das ist auch gut gelungen.