Basketball

Ein Finne im ersten Hitzetest

Basketball Der neue Knights-Trainer Anton Mirolybov ist diese Woche zum ersten Mal in Kirchheim. Für heute und morgen sind Tryouts angesetzt. Von Bernd Köble

Spröde, wortkarg, mitunter etwas kauzig, so meint man die Finnen zu kennen. Es geht zwar nichts über ein gut gepflegtes Vorurteil, lässt es sich auf amüsante Weise widerlegen - umso besser. Beim Antrittsbesuch des neuen Kirchheimer Basketball-Coachs in der Redaktion jedenfalls vergeht die Zeit wie im Flug. Anton Mirolybov, das wird schnell klar, ist ein durchaus unterhaltsamer Gesprächspartner. Einer der gerne parliert, ohne überflüssige Worte zu verlieren. Typisch finnisch? „Nein, das bin ich sicher nicht“, gesteht der 40-Jährige. Das mag da­ran liegen, dass russisches Blut durch seine Adern fließt. Seine Vorfahren in zweiter Generation stammen aus der Ukraine und aus Sankt Petersburg. „Mein Temperament ist russisch“, bekennt er.

Ein Temperament, das ihm an seinen bisherigen Arbeitsstätten in Chemnitz, Hannover, Weißenfels und Leipzig den Ruf eines emotionsgeladenen Dirigenten an der Seitenlinie verschafft hat. Einer, der „110 Prozent“ investiert und nicht weniger auch von seiner Mannschaft erwartet. Kein Schleifer, aber einer, der lange Diskussionen allenfalls in der Kabine duldet. Dabei sagt er: „Mein Gesicht ist immer rot, nicht nur, wenn ich mich aufrege.“

Gestern mag es an der sommerlichen Hitze gelegen haben. Beim Abflug in Helsinki zeigte das Thermometer am Montag 16 Grad. Dem neuen Coach steht eine schweißtreibende Woche bevor, in jeder Hinsicht. „Ich möchte so viele Leute treffen wie möglich“, sagt er. Spieler, Klubverantwortliche, Sponsoren, das ganze Umfeld. Heute und morgen stehen erste Tryouts mit deutschen Spielern auf dem Programm. Am Wochenende fliegt er noch einmal für eine Woche in die Heimat, um vollends die Koffer zu packen.

Ab 1. August heißt es dann: keine Zeit mehr verlieren. Zwei Wochen später ist Trainingsauftakt. Sein Wunsch: eine größere Rotation als im vergangenen Jahr mit bis zu 13 Namen. Nachwuchskräfte um einen überschaubaren Kern erfahrener Spieler. Erfahrung, die auch er gesammelt hat. Er hat gelernt, sich mit schmalem Budget und komplizierten Verhältnissen zu arrangieren. Das war zuletzt in Leipzig so und wird in Kirchheim nicht anders sein. Die Uni-Riesen haben den Laden im Frühjahr hinter ihm dicht gemacht. Er kam mitten in der Saison als vermeintlicher Retter. Für grundlegende Korrekturen war da weder Geld noch Zeit. In Kirchheim ist vieles ähnlich und doch wieder nicht. Hier trotzt man seit Jahren den Gesetzen des Marktes. Hier ist der Erfolg zu Hause, so unglaublich das klingt. Ob er Druck verspüre? „Nein“, sagt er. „Ich freue mich auf die Aufgabe, weil ich den Eindruck habe, dass hier eine intakte Basketball-Familie Großartiges leistet.“

Außer Blumen nichts zu verschenken. Ab September muss er zeigen, dass er auch Erfolg kann. So wie in Hannover, wo er die Mannschaft vor drei Jahren zur Nordmeisterschaft in der Pro B führte. Auch damals hatte er das Team von seinem Vorgänger Michael Mai übernommen. Er weiß, dass der Amerikaner ein schweres Erbe hinterlassen aber auch gezeigt hat, dass Geld alleine nicht alles ist. „Im Basketball ist eins und eins nicht immer zwei“, sagt Mirolybov. „Manchmal ist es dreieinhalb, das hat man vergangene Saison hier gesehen.“

Keine „Finnen-Mafia“

„Man spricht finnisch“, haben die Knights die Verkündung der Personalie Anfang Juli betitelt. Als versteckter Hinweis auf das künftige Team war dies wohl kaum gemeint. Nachwuchskräfte aus seinem Heimatland - „Warum nicht?“, meint der Coach. „Wenn nicht sofort, dann vielleicht im nächsten Jahr.“ Schließlich hat er die U20 seines Landes vor zwei Jahren zum EM-Titel geführt. „Eine Finnen-Mafia“, meint er mit breitem Grinsen, werde er hier nicht implantieren. Immerhin wird fast jedes fünfte Team in der Pro A inzwischen von einem Finnen trainiert. Neben Crailsheims Headcoach Tuomas Lisalo - einem guten Freund Mirolybovs - und dessen Assistenten Vesa Petteri Vertio hat auch Weißenhorns Cheftrainer Daniel Jansson einen finnischen Pass.

Eine Frage brennt dann doch noch auf der Zunge. Wie kommt ein Finne zum Basketball, ohne den Umweg übers Eishockey zu nehmen? „Ich war sieben, als ein Basketballtrainer bei uns in der Schule Einladungskarten fürs Training verteilte“, erzählt Mirolybov. Die Trainingshalle lag nah am Elternhaus. Damit waren die Weichen gestellt. Bis siebzehn hat er selbst gespielt, jedoch rasch erkannt, dass sein Talent Grenzen hat. Stattdessen hat er als Teenager seine erste Mannschaft trainiert. Was ihn antreibt, ist seitdem gleich geblieben: „Ich will gewinnen“, sagt er.

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