Basketball

Ein Tanz auf der Rasierklinge

Basketball Die Knights feiern Erfolge, doch der Friede ist brüchig. Die Verletzungen deutscher Spieler zwingen dazu, über neues Personal nachzudenken. Von Bernd Köble

Auf der letzten Rille: Der verletzte Tim Koch (links) beglückwünscht seinen völlig erschöpften Teamkollegen Phillip Daubner zum
Auf der letzten Rille: Der verletzte Tim Koch (links) beglückwünscht seinen völlig erschöpften Teamkollegen Phillip Daubner zum hauchdünnen Sieg gegen Paderborn.Foto: Tanja Spindler

Es war der Moment, als es plötzlich ungewohnt still wurde in der Halle. Lange vor der dramatischen Schlussphase mit dem hauchdünnen Sieg am Sonntagabend gegen Paderborn, zeigte eine Szene am deutlichsten, wie nah Wohl und Wehe im Kirchheimer Basketball zurzeit beieinander liegen. Ein kurioser Vierkampf um den Ball, ein Spielerknäuel direkt vor der Kirchheimer Bank und am Ende krümmte und wand sich einer auf dem Parkett. Es war nur ein Tritt an empfindlichste Stelle, der Kevin Wohlrath für ein paar Minuten außer Gefecht setzte, doch der Schreck in den Gesichtern von Trainer und Kollegen sprach in dieser Szene Bände.

Wohlrath war eine von noch drei verfügbaren deutschen Stammkräften im Kirchheimer Team. Sein Ausfall hätte die taktischen Möglichkeiten in der kleinen Achter-Rotation der Knights de facto auf null gesetzt. Insofern stand der Spielverlauf am Sonntag mit dem entscheidenden Freiwurf in letzter Sekunde stellvertretend fürs Ganze: Das Eis, auf dem die Kirchheimer in der Pro A zurzeit ihre Pirouetten drehen, ist gefährlich dünn.

Zwei Erfolgserlebnisse am Doppelspieltag, der vierte Sieg in Folge, verbunden mit dem Sprung vom achten auf den vierten Tabellenplatz innerhalb von nur drei Tagen. Mannschaft und Trainer ziehen die richtigen Schlüsse aus Fehlern, Automatismen beginnen allmählich zu greifen. Doch genau in diesem Moment gerät die Entwicklung erneut in Gefahr. Wieder sind Verletzungen der Grund, und wieder ist deutsches Personal betroffen. Erst Ebert, dann Koch und nun Wenzel - drei Spieler mit festem Platz in der Rotation, das ist mindestens einer zu viel, das weiß auch Knights-Sportchef Christoph Schmidt. „Im Moment darf keiner auch nur einen Schnupfen bekommen“, sagt Schmidt vor der zweiten englischen Woche, die am Sonntag mit dem Spiel in Tübingen beginnt und am Samstag darauf in Ehingen endet. Dazwischen findet am Mittwoch das Nachholspiel in Nürnberg statt.

Nachlegen oder durchhalten?

Die Knights haben keine andere Wahl, als über personelle Alternativen zumindest nachzudenken, auch wenn Schmidt klarstellt: „Wir haben noch nicht einmal eine Tendenz.“ Erst seit Mittwoch ist bekannt, dass es sich bei der Rückenverletzung von Kapitän Brian Wenzel um einen Bandscheibenvorfall handelt. Die Prognose der Ärzte reicht von einmonatiger Pause bis zum vorzeitigen Saison-Aus. Tim Kochs verlängerte Schonzeit durch eine hartnäckige Muskelentzündung ist dagegen eher als Vorsichtsmaßnahme zu verstehen. Ob er wie jetzt geplant, im Dezember wird zurückkehren können, ist dennoch völlig offen.

Eine Lage, die ebenso unkalkulierbar wie gefährlich ist. Die einzigen Alternativen heißen Fekre Abraha und Andreas Nicklaus, beide aus dem Regionalliga-Stamm des Partners MTV Stuttgart. Die Frage heißt also: nachverpflichten oder durchhalten - mit allen damit verbundenen Risiken. „Wir werden in den kommenden Tagen sämtliche Optionen prüfen“, versichert Schmidt.

Dass die Mannschaft im Moment noch in der Lage ist, die fehlenden Prozent zu kompensieren, hat sie am Freitag in Baunach und am Sonntag zu Hause zwar bewiesen. Beim spektakulären wie glücklichen 75:74 gegen die Uni Baskets aus Paderborn war der Kräfteverschleiß im Schlussabschnitt allerdings nicht zu übersehen. Das Glück im Unglück der Knights: Auf die gesunden deutschen Spieler ist weitgehend Verlass. Phillip Daubner schwang sich in Baunach als sicherer Dreierschütze zum Matchwinner auf, Kevin Wohlrath - wenngleich mit starken Schwankungen in der Offensive - gilt in der Abwehr als unverzichtbar, und Andreas Kronhardt findet unterm Korb allmählich zu Sicherheit und gewohntem Selbstvertrauen, auch wenn ein reduziertes Trainingspensum beim Berufseinsteiger Spuren hinterlässt.

Kraft tanken, etwas Abstand gewinnen, darum geht es bis morgen. Headcoach Mauricio Parra gab der Mannschaft nach dem Sonntagsspiel zwei Tage trainingsfrei. Eine Belohnung, die schon frühzeitig für die ganze Miete am Doppelspieltag ausgesetzt war. Von Bonus redet inzwischen längst keiner mehr. Die Pause ist schlicht nötig.

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