Basketball

Ein Trend tankt neue Energie

Basketball Der Sieg gegen Heidelberg ist einer mit langem Anlauf. Wie aus einem verunsicherten Haufen eine intakte Mannschaft wird, lässt sich in Kirchheim seit Wochen beobachten. Von Bernd Köble

Wenn das Unfassbare plötzlich greifbar wird: In den Schlusssekun den in Heidelberg gab es auf der Kirchheimer Bank kein Halten m
Wenn das Unfassbare plötzlich greifbar wird: In den Schlusssekun den in Heidelberg gab es auf der Kirchheimer Bank kein Halten mehr. Foto: Alfred Gerold


Zwei Punkte machen den Unterschied: Während die Überraschungssieger aus Kirchheim einen freien Tag genossen, stand bei Heidelbergs Basketballern gestern Nachmittag Lauftraining im Freien auf dem Programm. Als Strafeinheit wollte Academics-Coach Frenkie Ignjatovic den November-Run im Nieselregen bei vier Grad über Null zwar nicht verstanden wissen. Um „den Kopf frei zu bekommen“ - wie der Trainer es nennt - wären einigen in der Mannschaft wohl dennoch Alternativen eingefallen.

Ignjatovic trug die zweite Heimniederlage in dieser Saison mit Fassung. „Wenn du in eigener Halle mit 17 Punkten zurück liegst, dann hast du es nicht verdient“, meint er. „Zu behaupten, es lag nur daran, dass wir schlecht gespielt haben, wäre allerdings nicht korrekt.“ Ein Satz, der sich mit etwas Phantasie als Kompliment an den Gegner entschlüsseln ließe.

Mauricio Parra nahm nach dem Kirchheimer 80:69-Erfolg beim Tabellendritten dagegen keine verbalen Umwege in Kauf. Der Spanier erlebte einen „reifen Auftritt“ seiner Mannschaft mit zwei überragenden Guards, die immer besser harmonieren. Mit Dajuan Graf als souveränem Lenker, der in der Crunchtime virtuos mit dem Tempo spielt und Jalan McCloud als verlässlichem Vollstrecker, auch wenn am Sonntag der eine oder andere wilde Wurf zu viel im Programm war. Was für den Trainer nach den Erfahrungen der zurückliegenden Wochen am meisten zählt: „Die Jungs waren so fest entschlossen, dieses Spiel nicht mehr aus der Hand zu geben.“

Zweifel daran waren trotz des deutlichen Vorsprungs erlaubt. Eine schwache erste Hälfte - bei den Heidelbergern bisher eher die Regel als die Ausnahme. Dass es in sieben von elf Fällen dennoch zum Sieg reichte, zeigt, welche Offensivqualität in der Mannschaft mit Topleuten wie Ely oder Nixon steckt. Gegen Rostock hatten die Heidelberger vor vier Wochen schon einmal einen 17-Punkte-Rückstand im Schlussviertel noch gedreht. Parras Sorge beim Stand von 57:53 zu Beginn der letzten zehn Minuten war demzufolge zwar berechtigt, aber nur von kurzer Dauer. Diesmal hielten die Nerven stand, die Ritter zogen im rechten Moment die Zügel wieder an, und selbst als Graf eineinhalb Minuten vor dem Ende zum Schrecken der Kirchheimer Fans wegrutschte und den Ball verlor, war das kein wackliger Moment im Spiel. Elys krachender Dunk brachte die Academics zwar wieder auf sieben Zähler heran, doch Kronhardt antwortete postwendend mit vier Punkten in Serie.

Für Kirchheims Coach war das Spiel am Sonntag vor allem defensiv der nächste Schritt nach vorn. „Wir machen nach wie vor unsere Fehler“, sagt Parra. Doch wer die Offensiv-Spezialisten vom Neckar unter 70 Punkten hält, der ist mit dieser Kunst bisher nicht nur allein, er macht eben auch vieles richtig. „Wir sind keine Mannschaft, die einen Gegner wie Heidelberg in der Offensive schlagen kann“, sagt Parra. „Dafür haben wir nicht die Qualität.“

Einer, dem man solche Qualität vor Saisonbeginn zugeschrieben hatte und der bisher enttäuschte, sendete in Heidelberg ein Lebenszeichen aus: Mitch Hahn genoss das Vertrauen des Trainers auch in den Wochen, als es nicht lief und er verletzt war. Am Sonntag stand der 24-Jährige als „mobiler Vierer“, wie Parra es nennt, gegen Heidelbergs Adam Eberhard in der Startfünf und bedankte sich prompt mit elf Punkten.

Hatte fertig: Frenkie Ignjatovic nach Spielende. Foto: Alfred Gerold
Hatte fertig: Frenkie Ignjatovic nach Spielende. Foto: Alfred Gerold

Was der Trend wert ist, wird sich erst am Samstag zeigen, auch wenn für Frenkie Ignjatovic schon jetzt feststeht: „Kirchheim ist für mich stark genug, um in die Play-offs zu kommen.“ Am Wochenende geht es nach Hagen zum überraschenden Tabellenschlusslicht. Zu einer Mannschaft, die durchaus Parallelen mit dem Teckteam aufweist. Gespickt mit starken Einzelspielern, aber auch mit wenig Fortune und dem offenbar fehlenden entscheidenden Impuls. In Kirchheim war es die Verpflichtung von Dajuan Graf, die der Saison eine Wende gab. Bei den Feuervögeln stand am Sonntag gegen Schalke mit Jonathan Octeus ebenfalls ein neuer Spielmacher auf dem Parkett, der aus dem Stand auf 18 Punkte kam. Zum dritten Saisonsieg hat es zwar trotzdem nicht gereicht, doch Hagen war nah dran. Am Samstag wird sich in der Krollmann-Arena zeigen, welcher Trend der stärkere ist.

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