Fussball Landesliga

Weilheim greift nach nächstem Strohhalm

Fußball-Landesliga Im Heimspiel am Freitag gegen den TSV Bad Boll will der TSVW den Sieg vom vergangenen Samstag in Blaustein vergolden. Von Klaus Schlütter

Alles Kopfsache: Marc Djorovic und die TSVW-Kicker wittern nach dem zweiten Saisonsieg wieder Morgenluft im Abstiegskampf der La
Alles Kopfsache: Marc Djorovic und die TSVW-Kicker wittern nach dem zweiten Saisonsieg wieder Morgenluft im Abstiegskampf der Landesliga. Foto: Genio Silviani

Hurra wir leben noch! Der Titel eines bekannten Romans von Johannes Mario Simmel taugt seit dem unerwarteten 2:1-Erfolg in Blaustein auch als Leitsatz für den TSV Weilheim. Das Pflänzchen Hoffnung auf den Klassenerhalt in der Fußball-Landesliga soll morgen Abend im Kellerduell mit dem TSV Bad Boll im heimischen Lindachstadion weitere Nahrung bekommen.

„Einen Strohhalm haben wir ergriffen, jetzt soll der nächste her. Wenn wir unsere Hausaufgaben machen, haben wir alles in eigener Hand“, gibt sich Trainer Benjamin Geiger optimistisch. Bei noch sieben Heimspielen wären das 21 Punkte, plus neun aktuelle. 30 zusammen müssten reichen, um wenigstens den viertletzten Tabellenplatz zu erreichen, der nach jetzigem Stand die Relegation gegen einen Zweitplatzierten der Bezirksliga bedeuten würde.

Aber dazu muss vieles zusammenpassen. Schon bei einem Verbandsliga-Absteiger aus einem der drei Bezirke Neckar/Fils, Kocher/Rems oder Stuttgart würde diese Zielvorstellung wie eine Seifenblase zerplatzen. Das kann leicht der Fall sein. Calcio Leinfelden-Echterdingen liegt momentan nur einen Punkt über dem Abstiegsrelegationsrang, Aufsteiger Heiningen fünf.

Doch abseits aller grauen Theorie zählt nur die Realität, und die ruft in Weilheim gemischte Gefühle hervor. Einerseits geht die Mannschaft nach dem Blaustein-Coup mit neuem Selbstvertrauen in die restlichen zwölf Spiele. Andererseits führen unverhoffte Ausfälle zu Sorgenfalten. So muss der TSVW morgen auf Matteo-Pio Stefania, den zweifachen Torschützen von Blaustein, und Abwehrmann Can Kanarya verzichten. Beide fehlen aus beruflichen Gründen. Cagatay Ayyildiz ist nach seiner Gelb-Roten Karte in Blaustein gesperrt.

Geiger trifft alte Bekannte

Vorteilhaft könnte sich allerdings auswirken, dass Benny Geiger den Großteil der Boller Spieler mit all ihren Stärken und Schwächen kennt. Er war dreieinhalb Jahre Spielertrainer im Erlengarten, bevor er zu Beginn dieser Saison nach Weilheim kam. 2014/15 hatte er großen Anteil am Klassenerhalt, ein Jahr später führte er die Bäder-Elf in die Relegation zur Verbandsliga.

Unter Geigers Nachfolger Manuel Doll legten die Boller, die mit großen Erwartungen gestartet waren, einen klassischen Fehlstart hin: Ein einziges Pünktchen nach sieben Spieltagen, letzter Tabellenplatz. Doch sie stießen den Bock wieder um, sind jetzt mit 15 Zählern raus aus dem gröbsten Schlamassel. Vor zwei Wochen erkämpften sie in Waldstetten ein achtbares 1:1. Das Heimspiel gegen Geislingen vergangenen Sonntag fiel dann Sturm „Eberhard“ zum Opfer.

Kuriosum am Rande: An der Seitenlinie treffen sich gleich vier Kollegen. Sowohl Benjamin Geiger als auch Manuel Doll und dessen Co. Matthias Seidl sowie Spieler Fabian Ammon haben auch im Hauptberuf das Sagen: als Lehrer.

„Ein Trainer muss Zusammenhalt und harte Arbeit fördern“

Weilheim. Nach dem lange ersehnten zweiten Saisonsieg vergangenen Samstag in Blaustein hoffen die Landesligakicker des TSV Weilheim im morgigen Heimspiel gegen Bad Boll auf den nächsten Befreiungsschlag – zumal der Glaube an die erfolgreiche Aufholjagd zurückgekehrt sein dürfte, wie der Leipziger Sportpsychologe Henning Thrien im Interview erläutert.

Der TSV Weilheim war 202 Tage ohne Sieg. Was kann ein Erfolg nach einer so langen Durststrecke psychologisch bewirken?
Henning Thrien: Ein Sieg im Sport ist häufig die Bestätigung und die Belohnung für gute Arbeit, die im Vorfeld geleistet worden ist. Man kann auch sagen, „die Vorbereitung“ hat sich ausgezahlt. Ein Erfolgserlebnis nach einer langen Durststrecke verbuchen zu können, kann den Glauben an sich selbst steigern lassen. Niederlagen nagen an uns Menschen und können Einfluss auf unsere Selbstwirksamkeit haben. Damit ist unser Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gemeint und der Glauben daran, Herausforderungen und vor sich liegende Aufgaben erfolgreich zu bewältigen. Dazu ist es aber wichtig, ein Erfolgserlebnis auf die eigene Anstrengung und die eigenen Fähigkeiten zurückführen zu können. Ist das der Fall, kann daraus Motivation für kommende Ereignisse gezogen werden


Welchen Einfluss haben Erfolgserlebnisse generell auf Motivation und Leistung?
Thrien: Erfolg ist ein netter Begleiter, um die optimale Leistung abrufen zu können. Allerdings kommt es ganz auf den Menschen an, ob ihn Erfolg antreibt, dieses Siegesgefühl wiedererleben zu wollen, oder ob „das Ausruhen auf dem Erfolg“ die Folge ist. Daher ist es sehr wichtig, unabhängig vom Ergebnis die eigene Leistung umfangreich zu analysieren und zu bewerten. So ist es möglich, einzelne Facetten des Spiels weiter zu optimieren und auch in einem Sieg viele Bereiche zu erkennen, die es weiter zu optimieren gilt.

Wie können Spieler und Trainer eine Aufholjagd im Abstiegskampf positiv beeinflussen?
Thrien: Positive Energie ist der Sprit, den wir tanken müssen, um erfolgreich zu sein. Wenn ich mich mit positiver Stimmung und guter Laune meinen Aufgaben widme, erhöhe ich die Chance, diese erfolgreich zu bewältigen. Als Trainer ist es mein Job, ein Umfeld zu schaffen, das diese Stimmung generieren kann. „Was brauchen die Jungs heute von mir?“ ist eine Frage, die Trainer sich immer wieder stellen sollten. So kann er durch die Gestaltung der Übungseinheiten die Stimmung und das Miteinander massiv beeinflussen. Dabei kann es durchaus passieren, dass Trainer Abstriche machen müssen in puncto Inhalt und Taktik, um dem Gemeinschaftsgefühl und der positiven Stimmung Platz zu machen. Le Bron James sagte einst: „Wir brauchen Zusammenhalt und harte Arbeit, um erfolgreich zu sein.“ Genau diese Attribute gilt es immer wieder zu fördern.


Zur Person: Henning Thrien hat einen Masterabschluss in Angewandter Sportpsychologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, wo er seit 2015 lehrt und forscht. Gemeinsam mit Nils Gatzmaga betreibt er unter www.psychologie-fussball.de eine Website für Spieler und Trainer.

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