Fussball

Ein Moment, der alles verändert

Medizin Schwere Kopfverletzungen häufen sich im Fußball immer mehr. Auch der einstige VfL-Stürmer Antonino Singh hat ein schicksalhaftes Erlebnis hinter sich. Von Max Pradler

Jahrelang ein bekanntes Bild an der Jesinger Allee: Der frühere VfL-Stürmer Antonino Singh (hier in der Saison 2015/16) jubelt ü
Jahrelang ein bekanntes Bild an der Jesinger Allee: Der frühere VfL-Stürmer Antonino Singh (hier in der Saison 2015/16) jubelt über einen Treffer. Archiv-Foto: Deniz Calagan

Gewisse Horrorbilder hat wohl jeder Fußball-Fan fest im Gedächtnis verankert. Sei es der Moment, in dem Christoph Kramer im WM-Finale 2014 nach einem vermeintlich harmlosen Zweikampf in sich zusammenklappt und anschließend sogar noch minutenlang benommen weiterspielt. Oder der heftige Zusammenprall zwischen dem ehemaligen VfB-Kapitän Christian Gentner und Wolfsburgs Torhüter Koen Casteels, bei dem der Beurener schwere Knochenbrüche im Gesicht erlitten hatte.

Lange Zeit wurden Kopfverletzungen als Teil des „rauen und harten Fußballs“ abgetan, schließlich sei das Ganze doch eine Kontaktsportart. Anders als beispielsweise beim American Football oder im Boxen, wo Verletzungen dieser Art an der Tagesordnung stehen, ist Fußball jedoch die einzige Sportart, bei der die Spieler ihren Kopf gezielt einsetzen - und das ohne jeglichen Schutz. Kaum verwunderlich also, dass sich die Vorfälle stark häufen, zumal der Fußball auch stets athletischer und dynamischer wird.

Schwerwiegende Erfahrungen hat auch Antonino Singh gemacht: Aufgrund eines dramatischen Zwischenfalls musste der ehemalige VfL-Angreifer im Sommer 2017 von heute auf morgen mit seiner großen Leidenschaft aufhören. Doch bei dem 34-jährigen Italiener war nicht, wie in den häufigsten Fällen, das Gehirn von einer Kopfverletzung betroffen, bei ihm erwischte es das rechte Auge.

Bei einer Begegnung an der Jesinger Allee bekam Singh den Ball nach einem Abpraller unglücklich aus kurzer Distanz aufs Auge. Auf den ersten Blick war außer einer kleinen Platzwunde unterhalb der Augenbraue jedoch nichts zu erkennen. „Halb so schlimm, dachte ich. Das muss halt genäht werden und dann ist wieder alles in Ordnung“, schildert Singh die Sekunden nach dem Vorfall.

Doch dem war nicht so. Bei der Untersuchung im Krankenhaus stellte sich heraus, dass er sich eine schwere Augapfelprellung, eine Netzhautablösung sowie größere Schäden am Sehnerv zugezogen hatte. Und es kam noch schlimmer: Trotz der sofortigen Operation und monatelanger Behandlung mit zahlreichen weiteren Eingriffen konnten die Ärzte bleibende Schäden am Auge nicht verhindern.

Das Leben voll genießen

„Ich wusste überhaupt nicht, wie mir geschieht. Mit dieser Endgültigkeit hatte ich enorm zu kämpfen. Zuvor habe ich mir noch nie Gedanken über so schwere Verletzungen gemacht - erst recht nicht beim Fußball“, erzählt der Kirchheimer, dem gerade einmal fünf Prozent Sehkraft auf dem rechten Auge verbleiben.

Der einstige Torjäger macht keinen Hehl daraus, dass er psychisch schwer an den Konsequenzen zu knabbern hatte. Erst nach gut einem Jahr habe er sich seelisch mit der Einschränkung abgefunden. „Meine Familie hat mich in dieser Zeit enorm unterstützt. Das hat mir sehr gut getan. Auch durch meinen Job hatte ich ständig Abwechslung“, sagt Singh, der seinen Alltag inzwischen wieder in vollen Zügen genießen kann.

Für genügend Ablenkung ist auch weiterhin gesorgt: Aktuell baut der 34-Jährige in Weilheim und reist geschäftlich regelmäßig rund um die Welt. Seine Passion ist trotzdem noch immer der Fußball, auch wenn es dieses Spiel war, das sein Schicksal besiegelte. „Dieser Sport hat mein Leben geprägt und ich habe viele tolle Dinge dadurch erlebt. Ich bereue keine einzige Sekunde“, versichert „Nino“ Singh.

Schärfere Richtlinien bei Kopfverletzungen

Der DFB hat vor einigen Wochen auf die immer häufiger diskutierte Thematik reagiert: Demnach muss künftig jeder Erst- und Zweitliga-Profi einmal pro Jahr ein so genanntes „Baseline-Screening“ durchführen, bei der mögliche Hirnschäden festgestellt werden können. Empfohlen wird der Test auch für die Nachwuchsleistungszentren.

Die UEFA bringt sogar eine vorübergehende oder vierte Auswechslung ins Spiel. Demnach soll der Spieler bei einer Kopfverletzung von einem neutralen Arzt untersucht werden, während ein Ersatzspieler für ihn einspringt. Ist alles okay, könnte der Wechsel rückgängig gemacht werden. Eine weitere Option sei auch eine zusätzliche Auswechslung.

In den USA gelten bereits verschärfte Richtlinien für den Nachwuchsbereich: Bei Spielern unter elf Jahren herrscht generelles Kopfballverbot. Kicker bis 13 Jahren dürfen lediglich im Trainingsbetrieb eingeschränkt köpfen. Den Stein ins Rollen brachte eine Elterninitiative, die wegen der Gefahr von Gehirnerschütterungen geklagt hatte.max

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