Fussball

Eine Schiedsrichterin setzt sich zur Wehr

Fußball Serafina Guidara von der TG Kirchheim hat sich an das Bezirkssportgericht gewandt, nachdem sie mehrfach von Spielern beleidigt und beschimpft worden war. Von Peter Eidemüller

Hatte die Beleidigungen der Grötzinger beim Sportgericht angezeigt: Serafina Guidara von der TG Kirchheim. Foto: Markus Brändli
Hatte die Beleidigungen der Grötzinger beim Sportgericht angezeigt: Serafina Guidara von der TG Kirchheim. Foto: Markus Brändli

Kommentare über ihre Leistung ist Serafina Guidara gewohnt. Als Fußball-Schiedsrichterin gehören Diskussionen mit Spielern, Funktionären und Zuschauern für sie zum Alltag. Was sich die 27-Jährige von der TG Kirchheim vor zehn Tagen während des Kreisliga-B-Spiels zwischen dem TSV Oberboihingen II und dem TSV Grötzingen II anhören musste, geht aber weit über das erträgliche Maß hinaus. Guidara war nach eigenen Angaben von Spielern der ersten Grötzinger Mannschaft, die im Anschluss gegen Oberboihingens Erste antreten sollten und die Partie der Reserven am Spielfeldrand verfolgten, mehrfach beleidigt und beschimpft worden - diskriminierend, sexistisch und herabwürdigend.

Die junge Frau ist geschockt und spielt mit dem Gedanken, die ansonsten fair und normal verlaufende Partie, die Oberboihingen ungefährdet mit 6:1 gewann, abzubrechen. „Dann wäre das Spiel aber wahrscheinlich wiederholt worden, und das hätte ich ungerecht gefunden. Die Mannschaften auf dem Platz konnten ja nichts dafür, wir hatten ein super Spiel“, sagt Guidara, die sich stattdessen mit einem Bericht an das Bezirkssportgericht wendet.

Der dort zuständige Rocco D‘Onofrio hat alle Beteiligten bis Ende dieser Woche um Stellungnahmen gebeten und prüft den Sachverhalt dahin gehend, ob er allein ein Urteil fällt oder es eine Kammerentscheidung mit zwei weiteren Sportrichtern geben wird. Letzteres geschieht bei Fällen, in denen neben Geldstrafen mit Sperren von mehr als vier Monaten gerechnet werden muss.

Über Guidaras Fall darf er wegen des schwebenden Verfahrens keine Auskunft geben, hält mit seiner persönlichen Meinung aber nicht hinterm Berg. „Dass Unparteiische Freiwild sind, gibt es in keiner anderen Mannschaftssportart“, sagt D‘Onofrio, „versuchen Sie mal, im Eishockey den Schiedsrichter so anzugehen, wie es im Fußball regelmäßig passiert.“

„Negativspirale seit Saisonbeginn“

Dass der Fall exemplarisch für den Sittenverfall im Amateurfußball steht, muss auch der Obmann der Schiedsrichtergruppe Nürtingen zugeben. „Seit Saisonbeginn beobachten wir Woche für Woche eine Negativspirale“, klagt Steffen Müller, „massive Beleidigungen gehören mittlerweile zum traurigen Alltag. Nicht nur bei uns, sondern im ganzen Verbandsgebiet.“

Die negativen Auswirkungen lassen sich nicht nur an sinkenden Schirizahlen (siehe Infokasten) ablesen.„Wenn das so weitergeht, werden Kreisliga-B-Spiele in Zukunft ausfallen, weil sich das auf Dauer kein Schiedsrichter mehr antun will“, so Müller.

Serafina Guidara will sich den Spaß an ihrem geliebten Hobby trotz des Eklats nicht verderben lassen. „Dafür habe ich jede Woche so viele Spiele mit tollen Mannschaften“, sagt sie, nicht ohne Lehren aus dem aktuellen Fall zu ziehen. „Wenn so etwas noch mal passiert, werde ich das Spiel sofort abbrechen.“

Dass sie dies in Oberboihingen nicht tat, rechnen ihr die dortigen Verantwortlichen hoch an. „Man muss doch froh sein, wenn man überhaupt noch Schiedsrichter hat“, betont TSVO-Sportchef Stefan Hein , „darum kann ich auch absolut nicht nachvollziehen, warum man eine engagierte junge Frau so behandelt.“

Grötzinger wollen Aufklärung

Beim TSV Grötzingen setzen die Verantwortlichen offenbar bereits alles daran, dass es derartige Entgleisungen künftig nicht mehr geben wird. „Solche Dinge stehen nicht für unsere Werte als Verein und müssen aufgeklärt werden“, betont Spielleiter Olav Sieber, der sich bereits telefonisch bei Serafina Guidara entschuldigt hat. Darüber hinaus überlegen die Grötzinger, die Übeltäter auf Kosten der Mannschaftskasse zu entsprechenden Schulungen zu schicken, sobald das Sportgerichtsurteil verkündet wird. Dies soll laut Rocco D‘Onofrio frühestens Anfang kommender Woche geschehen.

Immer weniger greifen zur Pfeife

Die Zahl der Unparteiischen in der Schiedsrichtergruppe Nürtingen, neben Göppingen und Esslingen eine von dreien innerhalb des Bezirks Neckar/Fils, beläuft sich aktuell auf 140. Ruheständler und passive Pfeifenmänner nicht mitgerechnet, sind es allerdings nur rund 120. „Das mag sich zwar nach viel anhören, aber unser Bezirk ist auch der spielstärkste im Verbandsgebiet“, relativiert Schiedsrichter-Obmann Steffen Müller, der einen rückläufigen Trend in der lokalen Pfeiferei feststellt: „Vor rund zehn Jahren hatten wir noch 180 Schiedsrichter, davon 150 anrechenbare. Es wird immer schwieriger, genügend Nachwuchs für dieses tolle Hobby zu motivieren.“pet

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