Fussball

Papa Didavi schreibt ein Wintermärchen

Fußball-Kreisliga A2 Der Höhenflug der SPV 05 Nürtingen begann in einem Kirchheimer Supermarkt.

Alles im Blick: SPV 05-Trainer Ignace Didavi (Mitte) sorgt bei seiner Multi-Kulti-Truppe auch abseits des Platzes für Disziplin
Alles im Blick: SPV 05-Trainer Ignace Didavi (Mitte) sorgt bei seiner Multi-Kulti-Truppe auch abseits des Platzes für Disziplin und gegenseitigen Respekt.Foto: Ralf Just

Nürtingen. VfB-Profi Daniel Didavi (28) blickt auf eine enttäuschende Vorrunde zurück. Wegen einer hartnäckigen Achillessehnen-Entzündung kam er nur auf sechs Bundesliga-Einsätze mit insgesamt 250 Spielminuten. Trost holt er sich zu Hause als Zuschauer bei seinem Stammverein Sportvereinigung 05 Nürtingen. Dort sorgt sein Vater Ignace (60) für das Kontrastprogramm zum Frust in Stuttgart. Als Erfolgstrainer einer Multi-Kulti-Truppe befindet er sich auf einem spektakulären Höhenflug.

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Nach 13 Siegen und drei Unentschieden überwintert sein Team ungeschlagen als Spitzenreiter der Kreisliga A, Staffel 2. Erstmals seit der Spielklassenreform 1978 klopft die Mannschaft aus dem Nürtinger 4 000-Einwohner-Stadtteil Roßdorf an die Tür der Bezirksliga. Dabei galten die „05er“, bei denen Trainer-Sohn Daniel das Kicken gelernt hat, vorher mehr als Punktelieferant denn als Punktesammler. Nach ihrem ersten Aufstieg von der B- in die A-Klasse hatten sie sich im Sommer 2017 gerade noch vor dem sofortigen Abstieg retten können.

Auf der alten Sportanlage im Schatten der Hochhäuser von Roßdorf hat Vater Didavi im vierten Jahr das Sagen. Der Mann aus dem westafrikanischen Benin, der in den Achtzigern sein Heimatland verließ und in Chemnitz Elektrotechnik studierte, ist einerseits ein Kumpeltyp, der mit seinen Spielern einen lockeren Umgang pflegt. Andererseits fordert er von seinen Schützlingen absolute Zuverlässigkeit und gegenseitigen Respekt ein. „Es ist mir wichtig, dass diejenigen, die hierher kommen, sich ordentlich benehmen. Eine gewisse Disziplin muss sein“, betont er. Ein Spieler, der sich nicht an die Vorgaben hielt, wurde bereits gefeuert. Selbstredend, dass der SPV auch die Fair-Play-Tabelle der Kreisliga anführt.

Gleich in Didavis zweiter Saison schaffte die bunt gemischte Migrationstruppe den Sprung nach oben. Die Klasse zu erhalten war schwierig, der Trainer ging deshalb höchstpersönlich auf die Suche nach Verstärkungen. In einem Kirchheimer Supermarkt sprach er drei dunkelhäutige Männer an: „Wer von euch kann Fußball spielen?“ Zwei von ihnen deuteten auf den dritten - Nazifou Mamanzougou aus Togo. Ein Glücksgriff, wie sich schnell herausstellte. Der wendige Stürmer wurde in der Rückrunde mit 19 Toren zum Retter. In der laufenden Saison hat es die „Schwarze Perle“ trotz längerer Verletzungspause schon wieder auf 14 Treffer gebracht.

„Sein Beispiel machte Schule“, sagt Abteilungsleiter Johann Drexler, „es kamen immer mehr.“ Inzwischen befinden sich zwölf Schwarzafrikaner im SPV-Kader, darunter Ousman Saine und Amadou Minteh von der TG Kirchheim. „Wir sind hier wie eine Familie. Wenn jemand ein Problem hat, finden wir gemeinsam eine Lösung“, sagt Bruno Kenfack, einer von den Geflüchteten, stellvertretend für alle.

Ein Gemeinschaftsgefühl über landsmannschaftliche Grenzen hinweg ist das Zauberwort für das Nürtinger Fußballmärchen. Mit dicken Scheinen kann der Verein nicht locken. In der Kasse herrscht weitgehend Ebbe. Ihr Sportheim mussten die Roßdorfer bereits vor drei Jahren verkaufen. Seitdem spielt sich das Vereinsleben in einem Zelt ab. Ehrenamtliche leisten Fahrdienste und Besorgungen für Spieler, die zum Teil in umliegenden Orten untergebracht sind. Die Spieler bedanken sich für das Entgegenkommen mit Arbeitsdiensten, engagieren sich als Co-Trainer oder Betreuer für die Jugend.

Das Ziel der SPV 05 Nürtingen ist klar: Erstmaliger Aufstieg in die Bezirksliga. Sportlich machbar. Aber wie dauerhaft wäre das Glück? Es gibt Bedenken. „Die Gefahr, dass der eine oder andere Geflüchtete in sein Heimatland abgeschoben wird, schwebt immer über uns“, sagt Drexler. Außerdem hat sich inzwischen herumgesprochen, über welches Potenzial einzelne SPV-Spieler verfügen. So soll Regionalliga-Spitzenreiter Waldhof Mannheim bereits seine Fühler nach Vollstrecker Nazifou Mamanzougou ausgestreckt haben. Klaus Schlütter