Handball

Das Warten auf den großen Wurf

Handball Der DHB entscheidet diese Woche über einen möglichen Schlussstrich unter die Saison. Danach muss der HVW klären, ob er an seiner Reform festhält. Von Bernd Köble

Über die richtige Taktik auf dem Weg zurück zur Normalität müssen nach Ostern die Verbandschefs im Handball entscheiden. Mit ein
Über die richtige Taktik auf dem Weg zurück zur Normalität müssen nach Ostern die Verbandschefs im Handball entscheiden. Mit einem Beschluss des DHB-Bundesrats wird in den kommenden Tagen gerechnet. Foto: Markus Brändli

Juristen und Statistiker - zwei Arten von Experten, die im deutschen Handball zur Stunde besonders gefragt sind. Wann ist die Saison beendet, wie wird sie gewertet und welche juristischen Konsequenzen ergeben sich daraus? Fragen, die der Bundesrat im Deutschen Handballbund (DHB) noch in dieser Woche beantworten will. Klar ist: Es braucht eine Regelung, die allen gerecht wird. Von der Bundesliga, die um Fernsehgelder kämpft, bis hinunter in die Bezirke, wo jeder Cent aus Eintrittsgeldern zählt.

Im Handballverband Württemberg (HVW), wo nach der Sommerpause eine der tiefgreifend­s­ten Spielklassenreformen der vergangenen Jahrzehnte greifen soll, wird um die anstehende Aufgabe zurzeit keiner beneidet. Während hinter den Kulissen eifrig Modellvarianten geprüft und diskutiert werden, wirbt Michael Roll um eines ganz besonders: Geduld. Der für die Spieltechnik zuständige Vorsitzende im HVW hat kein Verständnis dafür, dass viele Vereine zur Eile drängen. „Wir haben im Moment doch keinerlei Zeitdruck“, meint er und macht deutlich, dass jeder Beschluss gut überlegt sein will. „Besser einmal richtig, als zehnmal zurückzurudern.“ Die Entscheidung des HVW, den Meldeschluss für Vereine auf den 15. Mai nach hinten zu verlegen, bringt Zeit. Das heißt, frühestens dann muss klar sein, wer in welcher Liga antreten wird. Sofern man im September überhaupt wieder wird spielen können. Denn auch das ist längst noch nicht klar.

Völlig offen ist überdies, wie viele Vereine als Folge der Krise Mannschaften vom Spielbetrieb abmelden müssen oder sich für den freiwilligen Abstieg entscheiden, wie ihn das HVW-Präsidium vor einer Woche als möglichen Weg eingeräumt hat. Auch davon wird abhängen, in welcher Weise die HVW-Reform umgesetzt wird - so sie denn kommt.

Uwe Hamann, Abteilungsleiter beim Landesligisten VfL Kirchheim, sieht in der Krise sogar eine Chance. Dass es in diesem Jahr wie angekündigt nur Aufsteiger, aber keine Absteiger geben soll, unterstütze den Reformgedanken. Weil dadurch aus den höheren Ligen weniger nach unten durchschlägt, was im Südwesten mit seiner hohen Leistungsdichte bisher als Problem gesehen wurde. Hamann ist überzeugt: „Das wären sogar ideale Voraussetzungen für die Reform.“ Egal, nach welchem System die Saison rechnerisch beendet wird, der VfL-Chef glaubt weiter fest daran, dass der VfL als aktuell Tabellenzweiter aufsteigen wird. Ob wie geplant in die neu zu schaffende Verbandsliga oder möglicherweise sogar in die Württembergliga, sollte die Reform doch aufgeschoben werden. „Wir werden es nehmen, wie es kommt“, sagt Hamann. „Es gibt im Moment ohnehin Wichtigeres.“

Einen triftigen Grund, die Reform abzublasen, sieht auch der spieltechnische Leiter im Bezirk Esslingen-Teck nicht: „Das Ganze ist vom Präsidium so beschlossen, und bisher hat dem niemand widersprochen“, stellt Roland Dotschkal fest. Wie sein Kollege Michael Roll appelliert auch er an die Vereine, Geduld und einen kühlen Kopf zu bewahren. „Alle Entscheidungen, die getroffen werden mussten, sind getroffen“, sagt er. „Wenn der DHB den Weg vorgibt, müssen wir nur auf den Knopf drücken.“ Denkbar ist für Dotschkal im Moment vieles. Auch ein Übergangsjahr mit neuer Spielklassenstruktur, aber flexiblen Staffelstärken.

Im Lager der HSG Owen/Lenningen kann man das Geschehen einigermaßen entspannt verfolgen. Der Bezirksliga-Spitzenreiter hätte im Falle des vorzeitigen Saisonendes einen komfortablen Vorsprung. So recht traut man dem Frieden im Täle trotzdem noch nicht. Der Termin für die Aufstiegsparty? Gibt es nicht. „Gefeiert wird erst, wenn‘s offiziell ist“, sagt HSG-Sprecher Raphael ­Schmid.

Sachsen-Anhalt mit „Norweger-Modell“

Der Handballverband Sachsen-Anhalt hat als erster Landesverband bereits eine Entscheidung getroffen, wie die Saison zu werten ist. Während andere Verbände den Abbruch der Saison nur als Empfehlung sehen, bis der DHB-Bundesrat eine endgültige Entscheidung getroffen hat, ist das Saisonende im Osten bereits beschlossene Sache.

Die Abschlusstabellen berechnet der Landesverband nach dem Quotienten, der sich aus der bisher erreichten Punktezahl und der Anzahl der absolvierten Spiele ergibt. Ein Modell, das in Norwegen praktiziert wird. Es soll der Tatsache Rechnung tragen, dass Mannschaften bei Saisonabbruch eine unterschiedliche Anzahl an Spielen bestritten haben.bk

Anzeige