Lokalsport

Abends um sieben im Urwald

Der zehnjährige Turner David Giss steht im gleichnamigen Musical in Stuttgart als kleiner Tarzan auf der Theaterbühne

Auftritte vor Publikum kannte er bisher nur vom Turnen im Dress des VfL Kirchheim. Jetzt hat David Giss eine neue Bühne für sich entdeckt. Größer, bunter, spektakulärer. Der Zehnjährige aus Zell unter Aichelberg steht seit Oktober als kleiner Tarzan im Stuttgarter Erfolgsmusical im Scheinwerferlicht.

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Stuttgart. Durch die Türritzen in der hell erleuchteten Maske dringt feinster Puderstaub. Braun wie Schokoladenpulver, das sich auf der blassen Haut mit leuchtend grünen Farbstrichen durchmischt. Die großen braunen Kulleraugen unter der wilden Rasta-Mähne scheinen dadurch noch mehr zu leuchten. Urwalddreck und Blütenstaub. So muss einer aussehen, der sich von Liane zu Liane durch den Urwald hangelt. Wer wollte, könnte jetzt schon eintauchen in die imaginäre Dschungelwelt, doch die Stimme aus dem Lautsprecher hat etwas dagegen. Noch zehn Minuten bis Vorstellungsbeginn. Die Uhr läuft

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Hinter der Bühne des Stuttgarter Apollo Theaters ist auch jetzt nichts zu spüren von nervöser Hektik. Jeder Handgriff sitzt, alles ist genauestens getaktet. Vor der Tür der Garderobe huschen dunkle Gestalten in Affenkostümen vorbei. Hauptdarsteller Gian Marco Schiaretti steht im Lendenschurz im Gang und wirft seinem kleinen Kollegen nebenan einen aufmunternden Blick zu. Der antwortet prompt mit einem coolen Augenzwinkern und setzt dabei sein strahlendstes Lächeln auf.

Lampenfieber scheint David Giss nicht zu kennen. Es ist seine fünfte Vorstellung seit Oktober. Im Theaterrund warten 1 800 Zuschauer. Wenige Minuten noch, dann wird sich am vorderen Bühnenrand die Luke öffnen und der kleine Tarzan zum „Jungle Funk“ mit der Gorillabande auf die Bühne klettern. Die Zuschauer erwartet von da an ein zweieinhalbstündiges Spektakel mit kurzer Pause. Mitreißende Tanzszenen, Akrobatiknummern, bei denen Urwaldgestalten an unsichtbaren Nylonseilen über die Köpfe des Publikums hinwegfliegen, aber auch Momente, die zu Tränen rühren sollen. Kommerzielles Entertainment at its best.

Das alles war weit weg für David Giss. Als seine Musiklehrerin ihm vor Monaten kommentarlos einen Zeitungsausschnitt auf die Schultasche legte, ließ er den erst mal unbeachtet im Gepäck verschwinden. Die Stuttgarter Musical-Macher suchten junge Tarzan-Darsteller, und der Zehnjährige brachte alles mit für diese Rolle. Er spielt Trompete, singt im Schulchor und ist mit dem VfL Kirchheim im Landesfinale der Nachwuchsturner gerade auf Platz zwei gelandet.

Nach achtmonatigem intensivem Vorbereitungstraining und mehreren Ausscheidungsrunden stand fest: David Giss wird als einer von 14 kleinen Tarzan-Darstellern fester Teil des Stuttgarter Ensembles. Den Segen der Mutter hat er: „Er soll machen, wofür sein Herz schlägt“, sagt sie. „Alles, was nicht mit Bewegung zu tun hat, hat David noch nie interessiert.“ Der träumt nun davon, später einmal als Profi auf der Bühne zu stehen. Schauspieltalent, eine kräftige Stimme, ein ausdrucksstarker Blick – all das hat er. Aufgeregt? „Beim ersten Mal schon“, gesteht er. „Wenn man raus geht, ist das aber alles weg.“ Gut zwanzig Minuten dauert sein Auftritt, bevor die Zeitebenen im Leben des Dschungelkönigs wechseln. Bis dahin hat er mehrere Tanz- und Flug­szenen, ein Gesangssolo und ein Duett mit Tarzans Affenfreundin Terk zu meistern.

Dass die Kinder mit Spaß dabei sind und sich wohl fühlen auf und hinter der Bühne, darüber wacht Sevi Stojkova, die als Kinderbetreuerin bei Stage Entertainment arbeitet. Sie ist Ersatzmutter auf Zeit, begleitet die Acht- bis 13-jährigen Darsteller auf der eineinhalbstündigen Reise über mehrere Stationen bis zum Auftritt. Sie weicht nicht von Davids Seite, ist in der Garderobe, beim Schminken und Aufwärmtraining dabei. Sie geht noch einmal die wichtigsten Textpassagen mit ihm durch und steht im Hintergrund, wenn Dirigent Stephen Brown ihn am schwarzen Flügel beim Warmsingen begleitet. Der Gesetzgeber setzt dem Engagement der Kinder einen strikten Rahmen. 30 Vorstellungen pro Jahr sind das Limit, spätestens um 23 Uhr müssen sie das Theater verlassen haben. Zwischen halb sieben und sieben Uhr abends, je nach Wochentag, beginnt die Vorstellung. Kommt es aufgrund technischer Pannen zu Zeitverzögerungen, ist der Schlussapplaus am Ende der Vorstellung für die kleinen Stars tabu.

„Wir sind alle eine große Familie“, betont Sevi Stojkova. Mehrmals im Jahr werden die Kinder zu gemeinsamen Festen abseits der Bühne eingeladen. Es entstehen Freundschaften und Bindungen. Manche sind schon seit Jahren dabei. Wenn der Vorhang fällt, dann meist, weil Wachstum oder Stimmbruch zum Problem werden. Oder weil die Karawane weiterzieht. Im Sommer 2016 wird Schluss sein mit Tarzan in Stuttgart. Zwei Millionen Zuschauer seit der Premiere im November vor zwei Jahren sind genug. Danach soll es in Oberhausen im Ruhrgebiet weitergehen. Was danach kommt, steht noch nicht fest. Nur so viel: Einen Tarzan David Giss wird es auf der Bühne dann keinen mehr geben. Was dauerhaft bleiben wird, ist sein Spitzname in der Klasse. Und die Erinnerung an ein Abenteuer. Abends um sieben im Urwald.

Abends um sieben im Urwald
Abends um sieben im Urwald
Mit Tarzan im Dschungel(Apollo Theater, Stuttgart-Möhringen) David VFL Turnen Turner
Mit Tarzan im Dschungel(Apollo Theater, Stuttgart-Möhringen) David VFL Turnen Turner
Mit Tarzan im Dschungel(Apollo Theater, Stuttgart-Möhringen) David VFL Turnen Turner
Mit Tarzan im Dschungel(Apollo Theater, Stuttgart-Möhringen) David VFL Turnen Turner
Mit Tarzan im Dschungel(Apollo Theater, Stuttgart-Möhringen) David VFL Turnen Turner
Mit Tarzan im Dschungel(Apollo Theater, Stuttgart-Möhringen) David VFL Turnen Turner