Lokalsport
Alles im Griff?

Handball Kleinere Bälle für Hallen mit Harzverbot? Was der IHF als neue Regel vorsieht, ist gar nicht auf dem Markt. Von Bernd Köble

Böse Zungen behaupten, die jahrelang glänzende Heimbilanz der Kirchheimer Handballer sähe deutlich schlechter aus, gäbe es in den Sporthallen der Teckstadt kein generelles Harzverbot. Belegen lässt sich so etwas natürlich nicht, doch Tatsache ist: Ohne Kleister an den Händen schrumpft so mancher virtuose Ballkünstler auf Normalgröße. Der Umgang mit dem harzfreien Spielgerät will folglich geübt sein – am besten im wöchentlichen Training.

Eine Lösung für das Grip-Problem hat der Handball-Weltverband IHF im Frühjahr nun seinen Partnern präsentiert. Neben einer Reihe von Regeländerungen, die in erster Linie den Anwurf und das passive Spiel betreffen, sollen in harzfreien Hallen ab der neuen Saison kleinere Bälle die leidige Diskussion befrieden. Genauer: Bei den Männern beispielsweise sollen statt des bisher üblichen Ballumfangs zwischen 58 und 60 Zentimetern auch 55,5 bis 57,5 Zentimeter erlaubt sein. So jedenfalls steht es unter Punkt drei im Regeltext des Weltverbands und so drang die Neuerung im Frühjahr durch bis hinunter in den kleinsten Bezirk. Der Handballverband Württemberg (HVW) verwies Mitte August auf seiner Homepage auf die Neuerungen im Regelwerk der IHF.

Größte Schwachstelle der Idee: Solche Bälle gibt es gar nicht. Sie müssten erst entwickelt werden. Keiner der Hersteller hierzulande, auch nicht die Balinger Marke Kempa, offizieller Ausrüster im HVW, hat solche Größen im Sortiment oder in Planung. Selbst für den Fall, dass es sie gäbe: Kaum vorstellbar, dass Vereine willens wären, ihr Sortiment an Bällen kurzerhand zu verdoppeln. Von den Anschaffungskosten ganz zu schweigen. HVW-Sprecher Thomas Dieterich findet dafür nur ein Wort: Wahnsinn. „Diese Regel nützt wohl in ers­ter Linie Ballherstellern im IHF“, meint er.

Der Deutsche Handballbund (DHB) und damit auch seine Landesverbände lassen nun vorerst die Finger von der Regel. „Wir werden jetzt niemanden verrückt machen“, sagt der Vorstandsvorsitzende des DHB, Mark Schober, im Gespräch mit dieser Zeitung. Man sei noch in der Analysephase. „Daher werden wir uns das in aller Ruhe anschauen.“ Offiziell haben sich der DHB und seine Mitglieder im Mai darauf geeinigt, die Regel zumindest für die kommende Saison auszusetzen. Eines steht für Schober allerdings fest: „Aus dem Spitzenhandball wird Harz auch künftig nicht wegzudenken sein.“

Wie Fußball ohne Stollen

Einer aus der Praxis ist Steffen Klett. Viele Jahre als technisch versierter Spielmacher, jetzt als Trainer des BWOL-Aufsteigers TSV Wolfschlugen. Für ihn zeigt der Fall, „dass die, die entscheiden, wenig mit denen reden, die es umsetzen müssen.“ Handball ohne Harz, wie er vom IHF seit gut sechs Jahren diskutiert wird, sagt der Owener, sei ein völlig anderes Spiel. „Das ist so, wie wenn man Fußballern die Stollen an den Schuhen wegnehmen würde.“

Was die Hintergründe und Motive im umtriebigen Weltverband betrifft, werden andere deutlicher: Die Berliner Tageszeitung „taz“ hat nach der WM voriges Jahr in Ägypten die Skandale von IHF-Präsident Hassan Moustafa aufgelistet. Der Ägypter ist seit mehr als zwei Jahrzehnten in Amt und Würden, und Kritiker seines autoritären Führungsstils sind sich einig: Was Machtstreben und Geschäftssinn angeht, stehe der 78-Jährige dem nach Korruptionsvorwürfen zurückgetretenen Fifa-Boss Sepp Blatter in nichts nach.

Harzfreien Handballsport propagiert Moustafa seit 2016. Fast genauso lang forscht der japanische Hersteller Molten an einem Ball mit besonders griffiger Oberfläche, die zudem Handschweiß ableiten und damit zusätzliche Haftmittel überflüssig machen soll. Den Ball gibt es inzwischen. Erstmals offiziell zum Einsatz gekommen ist er im Juli bei der WM der weiblichen U 18 – mit vernichtendem Urteil seitens der Aktiven. Am deutlichsten wurde der Spanier Antonio García, Bronzemedaillengewinner bei den Olympischen Spielen in Tokio. Er warnt: „Der Niedergang des Handballsports beginnt damit ganz offiziell.“

Ob mit der Prophezeiung nur das Spielgerät gemeint ist, lässt der Spanier offen. Fakt ist: Molten ist Exklusiv-Partner der Internationalen Handball-Föderation und bekäme durch einen weltweiten Harz-Bann de facto zumindest vorläufig eine Monopolstellung im Handball zugeschanzt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
 

Vom Baumharz zum Synthetik-Kleber

Harz gehört seit jeher zum Handballsport wie Magnesia-Pulver zum Turnen. Um Griffsicherheit und Ballführung – etwa bei Drehwürfen – zu verbessern, wurde in früheren Zeiten gewöhnliches Baumharz verwendet, das auf Kleidung, Haut und vor allem Hallenböden hässliche und nur sehr schwer zu entfernende Spuren hinterließ.
Inzwischen sind nur noch synthetische Haftmittel im Einsatz, die grundsätzlich wasserlöslich sind. Allerdings erst bei höheren Temperaturen, was Reinigungskräfte weiterhin vor Probleme stellt. Viele Kommunen, wie die Stadt Kirchheim, haben in ihren Hallen daher ein striktes Harzverbot erlassen. Weil sich das Spiel mit und ohne Haftmittel grundsätzlich unterscheidet, gehen Kritiker von ungleichen Wettbewerbsbedingungen aus.  bk