Lokalsport

Aus dem Nest gefallen

Basketball Knights-Spielmacher Carrington Love gilt schon jetzt als die Entdeckung der Saison.

Kirchheim. Von der fiktiven Welt in die reale ist es oft nur ein kurzer Weg. Nicht viel weiter als vom heimischen Fernseher hinauf auf die Teck. Game of Thrones, die US-Kultserie um Herrscherhäuser, Machtkampf und Intrigen ist ein Produkt der Fantasie. Zumindest, wenn man in der neuen Welt geboren ist, wie Carrington Love. Kirchheims Mann für die kreativen Momente auf dem Basketball-Court ist bekennender Game-of-Thrones-Fan. Seit Sommer ist er umringt von Burgen, Sagen und historischem Gemäuer. Und wenn er am Wochenende ins gelbe Trikot schlüpft, nennen ihn die Leute hier einen Ritter. Kirchheim – ein irgendwie magischer Ort.

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Irgendwie magisch, das mag sich auch mancher denken, der dem 22-jährigen Irrwisch bei der Arbeit zuschaut. Freunde behaupten, er sei von ernsteren Verletzungen bisher nur deshalb verschont geblieben, weil Körperkontakt etwas ist, das seine Gegner vergeblich suchen. Ob er der Schnellste ist in der Liga, ist schwer zu belegen. Dass er der Mann ist mit den flinksten Fingern, das hat er schwarz auf weiß: 3,3 Steals pro Spiel im Schnitt – das macht ihm in der zweiten Liga keiner nach. Zufällige Momentaufnahmen sind solche Werte nicht. In der College-Serie in der Heimat stand sein Name ebenfalls ganz oben. Unter knapp 1 100 Spielern in der Liga.

Er ist ein „Rookie“, ein Debütant im europäischen Basketball. Ganze elf Spiele hat er gebraucht, um in Deutschland von sich reden zu machen. Der unverhoffte Erfolg der Knights hat großen Anteil daran. Das Gleiche gilt auch umgekehrt. Eine basketballerische Symbiose. Für die Knights und ihren Trainer Michael Mai, der mit der Verpflichtung des Neulings viel riskierte, ein Glücksfall.

„Kirchheim hat es mir leicht gemacht,“ sagt Carrington Love. Heimweh war immer ein Thema. Er ist ein Familienmensch. In Wisconsin, wo Eltern, Geschwister und Verwandte in nächster Nähe beisammenwohnen, spielte er am College. In Green Bay, einer Kleinstadt, etwa doppelt so groß wie Kirchheim und nur eineinhalb Autostunden entfernt vom Elternhaus. Der erste Schritt in die Selbstständigkeit, der Weg nach Europa, ist ihm nicht leicht gefallen. „Der Abschied vom College“, sagt er, „das ist der Schritt aus der Komfortzone.“ Wenn er abends in Kirchheim durch beleuchtete Fachwerkgassen schlendert, strahlt das Geborgenheit für ihn aus, wie er sagt. „Hier ist nichts anonym, jeder scheint jeden zu kennen. Das gefällt mir.“

Er kocht gerne, liebt italienisches Essen und mag es, zu Fuß seine neue Umgebung zu erkunden. Im März wird er zum ersten Mal Papa. Ein Töchterchen, deren Geburt er wohl nicht wird miterleben können. Seine Lebensgefährtin ist bis kommende Woche zu Besuch in Kirchheim, wird gegen Baunach am Samstag auf der Tribüne sitzen. „Das bedeutet mir viel“, sagt der 22-Jährige. „Das motiviert mich besonders.“ Bei seinen Gegenspielern sollten spätestens jetzt die Alarmglocken schrillen.

Bernd Köble